Dieter   Beese
Ev. Theologie

Mt 5,17-20, Israelsonntag (10. S.n.Tr.) in Bochum-Stiepel

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Liebe Gemeinde,

auf diese Idee kann man bei Jesus durchaus kommen: Er isst mit Zöllnern und Sündern, er missachtet den Abstand zu unreinen Personen, zu Aussätzigen, er hält provozierende Reden und bricht das Sabbatgebot. Offensichtlich ist er gekommen, um alles über den Haufen zu werfen. Tatsächlich geht Jesus keinem Konflikt aus dem Weg. Und wie das so ist – am heftigsten gerät er mit denjenigen aneinander, die ihm am nächsten stehen, die Pharisäer und die Schriftgelehrten; diejenigen also, die, auch als Laien, wie die Pharisäer, mit Ernst nach Gottes Willen im Alltag fragen, und diejenigen, die es, auch von Berufs wegen, wie die Schriftgelehrten, mit dem Willen Gottes, der in der Tora bezeugt ist, ernst meinen.

Einige finden das gut: Die Revolutionäre machen sich große Hoffnungen, dass endlich einer kommt, um aufzuräumen, bis hin zu der radikalen These: „Wir holen uns unser Land zurück und verjagen alle, die hier nicht hingehören, die Römer zuerst.“ Andere finden das skandalös: „Wo soll das enden, wenn nichts mehr gilt? Er soll davon geredet haben, sogar den Tempel in drei Tagen abzureißen und wieder aufzubauen.“

Der Evangelist Matthäus hat sich verständlicherweise gefragt: „Wie hat Jesus sich selbst gesehen? Ist er tatsächlich gekommen, alles auf den Kopf zu stellen und sich über Gottes Weisung hinwegzusetzen, wie man es ihm vorwirft? Und wir, die wir ihn als unseren Lehrer ansehen - wo kommen wir hin, wenn wir Jesus und seiner Lehre folgen? Müssen wir mit dem Hinauswurf rechnen, wenn wir diesen Weg beschreiten? Sind wir dabei, unsere Identität als Glieder des Volkes Israels aufzugeben? Wollen wir eine Gruppe oder Strömung neben anderen in Israel bleiben, oder versündigen wir uns am Erbe der Väter? Müssen wir vielleicht sogar um Gottes willen Ausschluss und Trennung riskieren und es schlichtweg darauf ankommen lassen, was daraus wird?"

Aus heutiger Sicht ist es nicht leicht, diesen Blick zurück in diese frühe Trennungszeit zu werfen. Und es ist ganz unmöglich, dies unbefangen und unvoreingenommen zu tun. Ausgerechnet im Land der Reformation hat der Antisemitismus, die Illusion der Überlegenheit gegenüber jüdischen Menschen, ihrer Lebensweise, ihren Traditionen und ihrer Weltsicht, ein Ausmaß und eine Form angenommen, die auch nachfolgende Generationen mit Scham erfüllt. So erscheint beinahe zwangsläufig jede Form der Ablösung, der Trennung, der Differenz zwischen der werdenden christlichen Bewegung und dem Judentum zugleich als Ausdruck christlicher Selbstüberhebung und Anmaßung.

So werden auch wir uns wie damals Matthäus fragen: „Wie hat Jesus sich selbst gesehen?“ Und wie haben die frühen Gemeinden, zu denen ja auch Matthäus gehört, geglaubt, dass Jesus sich gesehen hat? „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ Da ist keine Selbstüberhebung und keine Anmaßung gegenüber dem Glauben und dem Leben seines Volkes Israel. Jesus steht ganz auf dem Boden der Tora. Und er steht ganz in der Geschichte seiner Auslegung durch die Propheten und Gesetzeslehrer. Und er steht ganz bei den Stillen im Lande, die einfach auf das Kommen Gottes in ihrer Zeit warten und mit ihm rechnen.

Ausdrücklich grenzt er sich von dem Vorsatz ab, irgendetwas davon wegzunehmen. Es ist, als versetzte Jesus sich selbst und seine Jünger in den Moment zurück, in dem Israel vor dem Einzug in das Gelobte Land die Gebote Gottes aus der Hand des Moses empfängt mit der ausdrücklichen Mahnung: „Ihr sollt nichts dazutun, zu dem, was ich euch gebiete, und sollt auch nichts davontun, auf dass ihr bewahrt die Gebote des Herrn, eures Gottes, die ich euch gebiete.“ (Dtn 4,2)

Als Lehrer seiner Schüler und Vorbild seiner Jünger stellt Jesus seine Autorität unter die Autorität der Weisungen Gottes: „Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.“ Nach der großen Flut hat bereits Noah diesen Zuspruch gehört: „Solange die Erde steht…“

Der kleinste Buchstabe, das ist das ist im Hebräischen das Jota. Es sieht aus wie ein kleiner Haken. Und die Tüpfelchen, das sind die Vokalzeichen, die den hebräischen Buchstaben – ausschließlich Konsonanten - beigefügt wurden, um das Lesen und die Aussprache zu erleichtern. Bis ins Jota also und bis auf den Punkt soll das Gesetz Bestand haben.

Davon will Jesus als Lehrer seiner Schüler und Jünger unter keinen Umständen abweichen: „Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.“ Irrtum und Irrlehre möchte Jesus also klar vermeiden. Anders als später in den christlichen Kirchen, führte dies jedoch nicht zum Ausschluss vom Heil, sondern lediglich zu einer Zurückstufung: Der Irrlehrer wird im Himmelreich nicht als groß, sondern als klein gelten, immerhin aber kommt er dorthin, ins Himmelreich.

Wenn aber Jesus sich so eindeutig der Tora unterordnet und sich in ihre Auslegungsgeschichte einfügt, wie kann es dann zu einem derartig abweichenden Verhalten in Worten und Taten kommen? Antwort: Weil die Tora nicht das Gesetz der Meder und Perser ist, und der König des Himmelreichs sich grundlegend von irdischen Potentaten unterscheidet.

Das Gesetz der Meder und Perser ist unumstößlich und unveränderbar. Der König kann es willkürlich erlassen, und es wird mit tödlicher Konsequenz exekutiert. Dies kann so weit gehen, dass der König sich zum Gefangenen seines eigenen Willens machen kann. Die Geschichte von Daniel in Löwengrube erzählt davon. Neider und Konkurrenten haben den König Darius überredet, alle mit dem Tode zu bedrohen, die sich statt an den König an andere, auch an andere Götter wenden. Dem König hatten sie aber nicht gesagt, dass sie dabei schon ihren Rivalen Daniel im Visier hatten. Kaum war das Gesetz erlassen, klagten sie Daniel an, und der König musste diesen wider Willen verurteilen. Machtlos stand er der Exekution gegenüber und war ganz erleichtert, dass die Sache doch noch gut ausging: Gott selbst hatte nämlich einen Engel in die Löwengrube geschickt, der den Löwen das Maul zuhielt und so Daniel und dessen Familie rettete.

Die Tora erschöpft sich nicht in ihren Buchstaben. Die Buchstaben bis zum Jota und zum kleinsten Punkt stehen vielmehr für den bleibenden und unveränderlichen Willen Gottes, in dem Gerechtigkeit und Barmherzigkeit eins sind. So wie sich die Gottesherrschaft in dem Rettungsgeschehen in der Löwengrube vollzogen hat, so vollzieht sich die Tora in der Praxis der Gerechtigkeit. So wird die Person Jesu selbst, sein Leben, seine Lehre, seine Taten und sein Geschick zur Auslegung der Tora für Israel und die Völker. Das Gesetz wird nicht aufgelöst, sondern erfüllt sich in ihm.

Diese Gute Nachricht, das Evangelium, ist Tora Gottes. Sie ist nicht das Gesetz der Meder und Perser. Sie nimmt Gestalt an und erweist sich als vollmächtig, indem sie gelebt wird, so wie es Moses seinem Volk geboten hat: Von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft. Das ist die Art, wie sich im Reich Gottes Herrschaft vollzieht. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind eins. Ja, es ist schon so, Jesus geht keinem Konflikt aus dem Weg und grenzt sich auch von anderen ab, von den Königen, die ihre Völker schikanieren, von Pharisäern und Schriftgelehrten, sofern sie anderen Lasten auflegen, die sie selbst nicht tragen, auch von seinen eigenen Jüngern, wenn sie etwa die Kinder von ihm fernhalten oder sich um die besten Plätze im Himmel streiten.

Im Konflikt klare Kante zeigen, ist aber etwas anderes, als sich über andere zu erheben. Matthäus erzählt seiner Gemeinde nicht umsonst das Gleichnis vom Endgericht: Die die Barmherzigkeit tun, finden den Weg ins Himmelreich, selbst wenn sie sagen: „Wann haben wir dich denn hungrig, durstig, gefangen… gesehen?“ Die aber glauben, sie könnten sich auf ihren vermeintlichen Besitzstand, ihre vermeintliche Gottesnähe berufen, gehen leer aus. Es kommt eben nicht darauf an, sich anderen überlegen zu fühlen, etwa den Pharisäern und Schriftgelehrten, denen da oben, den anderen – wem auch immer.

Jesus spricht zum Schluss die Seinen direkt an: „Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass irgend jemandes Gerechtigkeit überhaupt besser, größer, überfließender ist, nur weil er einer bestimmten Gruppe angehört oder nicht angehört. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass einer ins Himmelreich kommt, der sich für besser oder auf der richtigen Seite der Geschichte oder überlegen hält, nur weil er irgendwo zugehört und sei es zu Jesus.

Das sind kritische Worte, und am Israelsonntag gellen sie uns Christen besonders laut in den Ohren. Vor vielen Jahren habe ich einmal ein Interview mit Bischof Hermann Kunst geführt. Im Rahmen dieses Interviews erzählte er von sich und seinem Lebensumfeld in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Da fiel dann der Satz: „Man konnte sich doch damals eher mit ungewaschenen Händen an den Tisch setzen, als kein Antisemit zu sein…“ Das ist die bleibende Hypothek der Christenheit.

Zugleich aber sind dies auch tröstende, aufmunternde mutmachende Worte; denn mit ihnen sagt Jesus ja auch: Deine Zugehörigkeit entscheidet nicht darüber, ob Gott dich liebt oder nicht, und wenn es die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation oder Generation oder zu den Zöllnern und Sündern ist. „Ich bin gekommen, das Gesetz zu erfüllen.“ Kein Jota und kein Komma und kein Pünktchen davon wird wegfallen. So wird es sein, solange bis Himmel und Erde vergehen. Das lässt hoffen. Gott sei Dank.