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Kanzelgruß
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.  

Predigttext: Epheser 5,8-14

8 Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; 9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. 10 Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist, 11 und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf. 12 Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich. 13 Das alles aber wird offenbar, wenn's vom Licht aufgedeckt wird; 14 denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.  

Kanzelgebet Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und das Licht auf meinem Wege. Amen.  

Predigt


Liebe Gemeinde,

sind Sie mit Ihrem Leben zufrieden? Wie sieht das aus, ein Leben, mit dem ich zufrieden sein kann? Vielleicht kann ich es ja so beschreiben: Gesundheitlich geht es mir so weit so gut. Finanziell komme ich in so weit klar, dass ich einigermaßen durch den Monat komme und das eine oder andere Extra auch mal möglich ist. Wir haben bis auf die eine oder andere Verstimmung Frieden in der Familie. Meine menschlichen Beziehung finde ich im Großen und Ganzen wirklich schön, in welcher Lebensform ich auch immer lebe, alleinstehend oder in einer Partnerschaft, mit Freunden und Bekannten, Kolleginnen und Kollegen. Und natürlich: die soziale und die natürliche Umwelt – ich lebe in Frieden und Freiheit, das Wasser und die Luft sind sauber genug, dass ich mir keine Sorgen machen muss, und ich kann mich ohne Angst auf der Straße bewegen: Kino, das Theater, das Konzert besuchen, überhaupt – ab und zu mal ausgehen. Und ich selber verhalte mich auch so, übertreibe also nichts und bewege mich in verträglichen Bahnen, so dass ich ein solches zufriedenstellendes Leben führen kann.

Normal halt. Normal? Wenn ich jetzt mal eine andere Brille aufsetze, dann sehe ich, dass ein solches normales Leben eigentlich etwas Besonderes ist und sich nicht von selbst versteht. Es fängt schon damit an, dass wir hier in einer Weltgegend leben, in der es überhaupt möglich ist, ein aus unserer Sicht normales Leben zu führen. Ein Blick in die Nachrichten mit ihren Kriegs- und Krisen- und Katastrophennachrichten – und schon sind mir die Augen geöffnet. Und wenn ich etwas genauer hinschaue, dann geht mir auf: Ich muss mich nur mal aufmerksam nach rechts und nach links wenden, einfach mal aufmerksam durch die Fußgängerzonen unserer Städte gehen, einfach hinhören bei den Alltagsgesprächen in meiner nächsten Umgebung, und dann tut sich die Welt der allgegenwärtigen Probleme auf von der Ehekrise über die schwere Erkrankung, Verwerfungen zwischen Eltern und Kindern oder eben verschiedenste Formen des Fehlverhaltens vom dummen Fauxpas bis hin zur Straftat. 

Nun leben wir als Christen in dieser Welt, und wir fragen uns als Christen: Was macht eigentlich den Unterschied, ob ich jetzt Christ bin oder nicht? Wird dadurch irgendetwas anders? Wir sind nicht die ersten, die sich das fragen. Auch in der Frühzeit des Christentums, etwa in der dritten Generation nach den Anfängen der Zeit von Jesus und Paulus, stellten sich in den Gemeinden zum Bespiel im Lykostal in Kleinasien, in der heutigen Westtürkei. Da liegen unter anderem die damaligen Städte Kolossä, Laodicea und Hierapolis, wo es christliche Gemeinden gab. An die dürfte wohl der Epheserbrief gerichtet gewesen sein, den ein Schüler des Apostels Paulus in dessen Namen geschrieben hat. Ihm uns unser heutiger Predigttext entnommen.

Hören wir ruhig noch mal hin, wie dieser Mann mit unserer Fragestellung umgeht: „Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts.“ Das ist schon mal eine Ansage: Als ihr noch keine Christen wart, hattet ihr eine andere Sicht auf die Welt, und es waren euch andere Dinge wichtig als jetzt. Jetzt aber seid ihr Christen, habt Taufunterricht gehabt, euch zu eurem Glauben bekannt, habt euch taufen lassen und lebt jetzt in einem anderen Licht, seht die Welt in einem anderen Licht, ja, seid selbst Kinder dieses Lichts. Also: verhaltet euch entsprechend.

Was lernen denn Christen im Taufunterricht: Dass ihnen ihre Sünden vergeben sind, dass sie jetzt nach Gottes Wort leben sollen und dass sie sich vor Gott zu verantworten haben. Was heißt das? Es heißt: Sie leben nicht einfach in den Tag hinein sondern überlegen, was sie tun. Will ich, soll ich tatsächlich so leben, wie ich das gerade tue? Was ist mir wirklich wichtig? Kann ich so vor Gott bestehen, wie ich mich jetzt verhalte? Allein das – diese Dauerreflexivität, dieses ständige Sich-Selbst-Beobachten vor Gott – bringt etwas Besonderes, etwas Neues in das Leben hinein. Man könnte hier von Besonnenheit oder Bewusstheit sprechen.

Das wirft nun eine naheliegende Frage auf: Was bedeutet das denn inhaltlich, Kind des Lichts zu sein und als Kind des Lichts zu wandeln. Die Antwort folgt im nächsten Vers: „9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. Beim ersten Hinhören scheinen das bloße Schlagworte und abstrakte Begriffe zu sein. Aber wer den Taufunterricht absolviert hat und in der Gemeinde lebt, wo im Gottesdienst die biblischen Geschichten vorgelesen und ausgelegt werden, der verbindet natürlich mit diesen Worten sehr konkrete Beispiele. Beim Stichwort „Güte“ könnte einem die Geschichte vom gütigen Vater und seinem heimkehrenden Sohn einfallen, beim Stichwort Gerechtigkeit könnte man auf die alttestamentliche Prophetie kommen, wo es immer wieder von Gott heißt: „Ich will Gerechtigkeit schaffen den Schwachen, den Witwen und Waisen.“ Und beim Stichwort „Wahrheit“ klingt manchem sofort das Jesuswort im Ohr: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ So werden dann die großen Worte sehr konkret.

Aber was bedeutet das nun für den konkreten Fall? Lesen wir den nächsten Vers: „10 Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist […]“. Das ist nun eine hochinteressante Aussage. Was dem Herrn wohlgefällig ist, das steht nicht einfach fest wie zwei mal zwei vier ist. Mein Verhalten ist keine Rechenaufgabe, bei der ich sagen kann: So und so musst du rechnen, und dann weißt du: Das ist richtig oder falsch. Im christlichen Leben findet etwas ganz Besonderes statt. Gott traut mir zu und verlangt von mir eine eigene, freie, abwägende Urteilsbildung: „Prüft!“ Ja, kann ich das denn? Christus sagt: Vertrau mal darauf, dass der Geist dich nicht in die Irre führt. Vielleicht irrst du dich, das kann sein. Vielleicht liegst du daneben, auch das ist möglich. Aber wage es auf mein Wort hin, selbst zu entscheiden, was nach dem Maß deiner Einsicht und Entscheidungsfähigkeit dem Herrn wohlgefällig ist. Du bist ja auch nicht allein; du kannst dich ja mit deinen Mitchristen beraten. Auch dazu wird dir sicher etwas von dem einfallen, was du gelernt hast. Zum Beispiel: „Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Und welche Konsequenz ist daraus zu ziehen? Lesen wir weiter: „11 und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf. 12 Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich. 13 Das alles aber wird offenbar, wenn's vom Licht aufgedeckt wird; 14 denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“

Was heißt das: Unfruchtbare Werke der Finsternis? Wir sollen keine Gemeinschaft mit ihnen haben. Wir sollen sie aufdecken, weil sie gern heimlich getan werden und dafür auch nicht noch öffentlich Propaganda machen. Wir sollen wachsam sein, aufwachen aus dem Todesschlaf und uns in das Licht Christi begeben, der uns erleuchtet, ja uns selbst zu seinem Licht macht. Wir erinnern uns an das Jesuswort: „Ihr seid das Licht der Welt.“

Worum es geht, das ist kein Geheimnis. Als junger Student hatte ich die Gelegenheit hier im Diakonischen Werk mein Diakoniepraktikum zu machen. Da durfte ich dann mitgehen mit den Sozialarbeiterinnen, Heilpädagoginnen, Suchtberatern, Schuldnerberatern – das ganze Programm. Was macht Menschen kaputt und stürzt sie aus ihrem Leben? Körperliche, seelische und verbale Gewalt gegenüber Abhängigen und Schwächeren, vor allem Kinder. Sexuelle Übergriffe. Sucht nach Alkohol, Nikotin und anderen Drogen. Geldgier und Geltungssucht, Vertrauensbrüche. Aber auch das Alleingelassen- und Im-Stichgelassen-Werden in Notsituationen wie Krankheiten und Schicksalsschlägen.

Nur wo Scham und Heimlichkeit überwunden wird, wo diese Bedrohungen des Lebens zum Thema gemacht werden, dort kann es wieder hell werden im Leben von Menschen. Deshalb war seit den ersten Tagen der christlichen Gemeinden ganz klar: Wenn ich Christ bin, dann will ich, so gut ich es kann, meinen Teil dazu beitragen, dass ich in meinem eigenen Leben Klarheit haben will, bei allen dunklen Seiten, die ich auch an mir selber kenne. Und ich will dazu beitragen, dass Menschen, die mir begegnen in mir jemanden haben, der sie dabei unterstützt, dem Licht Christi zu trauen, ihm Raum zu geben in ihrem Leben und ihre Abhängigkeiten und Dunkelheiten zu überwinden.

Für die Christen der ersten Zeit war klar: Wir werden Kranke nicht töten, sondern pflegen, wir werden Verstorbene nicht liegenlassen sondern bestatten, wir werden Trauernde nicht sich selber überlassen sondern trösten, wir werden Hungernde nicht verhungern lassen, sondern sie speisen. Es ist diese Haltung, die dafür sorgt, dass Licht ins Leben kommt. Und es gibt ja auch Hoffnungszeichen, dass da manches möglich ist: Heute ist eben klar, dass Eltern, Lehrer und Pfarrer Kinder nicht schlagen dürfen. Heute ist klar, dass am Arbeitsplatz kein Alkohol getrunken und dann womöglich noch Auto gefahren wird. Heute ist klar, dass man Menschen wegen ihrer abweichenden sexuellen Orientierung nicht verachten darf. Die Me-Too-Debatte hat noch einmal sehr dafür sensibilisiert, dass Machtmissbrauch verwerflich ist.

"Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten": Auferstehung im Alltag, so kann man das wohl nennen, wenn die Werke der Finsternis weichen müssen und das Licht Christi zu leuchten beginnt. Was ist dadurch anders in meinem Leben, dass ich Christ bin? Was wird anders in einem Gemeinweisen, wenn es dort Christen gibt? Das entscheidend Andere besteht darin, dass es Menschen gibt, die prüfen, was dem Herrn wohlgefällig ist und daraus Konsequenzen ziehen. Für sich und für Andere.

Kanzelsegen

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn. Amen.