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Mt 5,14-16
Stiftung Münster
"Und ich?" Predigt (Lk 15)
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Predigt von Landeskirchenrat Prof. Dr. Dieter Beese, Bielefeld

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

 

Liebe Festgemeinde,

 

„In dir ist Freude“ – das also soll das Leitwort sein für diesen Festgottesdienst zum 10-jährigen Bestehen der Stiftung Evangelischer Kirchenkreis Münster. In mir ist natürlich auch Freude.

-  Freude darüber, dass ich geraumer Zeit wieder einmal hier mit Ihnen gemeinsam in der Apostelkirche in Münster Gottesdienst feiern darf,

-  Freude darüber, dass die Stiftung Evangelischer Kirchenkreis es schon bis in die Vorpubertät geschafft hat,

-  und Freude darüber, dass auch Ihnen selbst offensichtlich das zehnjährige Jubiläum der Stiftung ein Anlass zur Freude ist.

Wenn es Ihnen gleich oder ähnlich geht wie mir, dann haben wir etwas sehr Schönes gemeinsam. Wir haben das sogar mit Gott selbst gemeinsam, dass nämlich Freude in uns ist. Wir können also präzise auf die Frage antworten, was uns erfüllt und was in uns ist: Gerade haben wir das wunderbare Madrigal mit dem Text von Cyriakus Schneegaß und der Melodie und dem Satz von Giovanni Giacomo Gastoldi gemeinsam gesungen. Es handelt fröhlich davon, dass Gott selbst voll Freude ist und wir in ihm Freude finden, und zwar nicht nur bei schönem Wetter, sondern sogar „in allem Leide“.

„Die Freude in dem Herrn“, so konnte Nehemia sagen, „ist unsere Stärke“, als er Jerusalem wieder aufbaute aus den Trümmern und Ruinen einer bösen Vergangenheit.

Freude, Zuversicht, Hoffnung – das sind einige der „himmlischen Gaben“, die jeder braucht, wenn er etwas Konstruktives schaffen will. Das sind die himmlischen Gaben, die wir dadurch haben, dass der süße Jesu Christ […] unser wahrer Heiland“ ist. Der Fürst dieser Welt, „wie saur er sich stellt“[1] damit überwunden. Die Alternative „Süßes oder Saures“ ist damit zu unseren Gunsten entschieden. Und das ist nicht allein in himmlischen Sphären entschieden sondern wirkt sich irdisch aus.

„Hilfest von Schanden, rettest von Banden.“ Hilfe und Rettung – das ist das, was ein Heiland tut, er hilft und rettet, und er tut es gern und mit Freuden. So klingt es ja auch bei Paulus noch nach: „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“ Damit ist der geistliche Raum beschrieben, in dem sich die Stiftung Evangelischer Kirchenkreis Münster bewegt: Sie verdankt sich der Freude, die gerne hilft.

 

Lassen wir das Lied einmal auf sich beruhen und wenden wir uns der Bibel zu. Als ich die Losung des Festgottesdienstes las, kam mir gleich ein sehr erfreulicher Text in den Sinn: Ich lese aus dem Philipperbrief, Kapitel 4, die Verse 4 bis 7. Da schreibt der Apostel Paulus:

4Freuet euch in dem HERRN allewege! Und abermals sage ich: Freuet euch! 5Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen! der HERR ist nahe! 6Sorget nichts! sondern in allen Dingen lasset eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden. 7Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu![2]

Wer sich freut, kann - von der Schadenfreude einmal abgesehen - nicht mehr wirklich böse sein. Er ist vielmehr geneigt, das Böse mit Gutem zu überwinden. Und der tiefste Grund zur Freude – das haben wir ja am Reformationstag gefeiert, und dies ist auch der innere Kern aller Reformationsfeierlichkeiten – ist eben in Christus gelegt. Einen anderen Grund kann niemand legen.

Ein Gott, der nahe und nicht fern ist. Ein Gott der kommt und sich nicht ewig abwendet. Ein Gott, der Sorgen kennt und dazu aufruft, diese auf ihn zu werfen. Ein Gott, der unsere Herzen in einem Frieden bewahrt, höher als alle Vernunft – das ist ein Gott der Freude, ein Gott der dazu ansteckt, anderen das zuzuwenden, was man selbst empfangen hat: „Lindigkeit“. Ein wunderbares altes Wort. Ich habe mit Absicht die Lutherübersetzung aus dem Jahre 1912 gewählt.

Lindigkeit, das bewegt sich ethisch in der Nähe von Sanftmut und Milde und religiös in der Nähe von Gnade und Barmherzigkeit. Lindigkeit ist auch eine der „himmlischen Gaben“, die wir „haben“ und die wir austeilen und bekanntmachen sollen. Sie gehört zu uns als Christenmenschen: „Eure Lindigkeit“ fomuliert Paulus. Und zugleich gehört sie allen: „Lasset kund sein allen Menschen!“ geht es weiter.

Unsere Lindigkeit ist – das wissen wir nur zu genau aufs Ganze menschlicher Not und aufs Ganze der unendlichen Erlösungsbedürftigkeit der Welt gesehen winzig klein wie ein Senfkorn. Und doch ist es nicht nichts und auch nicht nur etwas, sondern eben eine himmlische Gabe, und wenn sie nur dazu dient, das Leben eines einzigen Kindes besser zu machen, dann ist sie schon unendlich wertvoll. Das kleine Senfkorn ist bekanntlich der Anfang, aus dem heraus das Himmelreich erwächst. Das haben wir von Jesus gelernt.

Die Stiftung des Evangelischen Kirchenkreises Münster ist aufs Große und Ganze gesehen auch so ein winzig kleines Kundwerden menschlicher Lindigkeit. Es macht eben nicht in erster Linie Mühe – das auch – sondern vor allen Dingen Freude, zur Verbesserung, zur Förderung, zum Gelingen des Lebens anderer beizutragen. Ein kleiner, leuchtender Punkt am großen dunklen Himmel, aus irdischer Perspektiver betrachtet, kann vor Ort ein großer Stern sein!

Aber das ist nur eine Seite der Sache. Der Apostel schreibt: „allewege“. Mit diesem „allewege“ stellt Paulus das „Freuet euch in dem Herrn“ auf Dauer. Es geht also nicht einfach nach Lust und Laune, abhängig von den Umständen und jederzeit auf Widerruf. „Allewege“ heißt eben nicht nur ab und zu, hier und dort oder von Zeit zu Zeit. Allewege heißt: Wann auch immer, wo auch immer – freut euch in dem Herrn. Warum? Weil er nah ist, und zwar nicht nach Lust und Laune, abhängig von den Umständen und jederzeit auf Widerruf, sondern immer: „Siehe ich bin bei euch allezeit bis an das Ende der Welt.“ Wenn Er jederzeit nahe ist, dann steht es uns auch wohl an, „allewege“ in der Freude des Herrn zu bleiben und eben auch allewege unsere Lindigkeit allen Menschen kundzutun.

Das ist eben auch so ein Gedanke, dem die Stiftung sich verbunden weiß. Gestiftet heißt eben gestiftet – also ein für allemal, für immer, auf Dauer weggegeben. Für immer vom allgemeinen Geldfluss ausgesondert. „Für immer und für andere“ - „für und für“ sozusagen. Mit hohen Zinsen, mit niedrigen Zinsen. In hoch motivierten Zeiten, in kritischen Phasen. Mit attraktiven Projekten und mit kaum beachteten Aktionen. Mit großer Resonanz und ohne Beifall: Mit einer Stiftung lassen wir kund werden unsere Lindigkeit allen Menschen allewege.

Wenn die einen Vorsorge treiben und für andere sorgen, haben die anderen weniger Grund, sich Sorgen zu machen. „Sorget nichts!“ mahnt Paulus, „sondern in allen Dingen lasset eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden.“ Das Wort „Fürsorge“ hat keine gute Presse. Es klingt nach Entmündigung und Bevormundung. „Helfen heißt: Herrschen“ lautet der alte Spruch aus den achtziger Jahren. Das haben wir ja inzwischen auch verstanden und wissen, dass jede Art von Hilfe und Unterstützung die Selbstachtung und Würde von Menschen mit Assistenzbedarf nicht beeinträchtigen dar.

Trotzdem bleibt es aber dabei: In der Welt wie sie ist, gibt es immer Menschen, für die das Gesehen werden und die Erfahrung von Zuwendung und Unterstützung genau dieses bedeutet. „Ich bin es wert, dass man mich nicht allein lässt, sondern mir hilft.“ Das Wort „Fürbitte“ hat, anders als das Wort „Fürsorge“ nach wie vor im Gottesdienst seinen festen Platz, und das ist auch gut so. Für andere zu sorgen ist aber nun einfach die praktische Form des Für Andere Betens. Und wenn Glaube und Liebe zusammengehören, dann ist die materielle Zuwendung nichts Anderes als eine Danksagung nicht nur mit dem Munde sondern auch mit der Tat. Fürbitte und Fürsorge gehören also zusammen. Nicht umsonst geht es ja bei der Eucharistie immer um das Zusammentragen und Verteilen der geistlichen und der materiellen Gaben.

Das Stiften, die Caritas, das kleine Zeichen der Zuwendung ist kein Ersatz für Solidarität und Recht. Sie ersetzen weder den Rechts- noch den Sozialstaat. Das Mittelalter ist vorbei, ebenso auch das Stiftungs- und Ablasswesen alter Zeiten. Man kann sich mit Spenden, Almosen und Ablass weder von Schuld freikaufen noch durch fromme Stiftungen das Himmelreich erwerben. Das hat sich herumgesprochen. Aber wir sollen und können mit kleinen und großen Gesten der Zuwendung, der Aufmerksamkeit, der Freundlichkeit – oder eben, wie es Luthers Übersetzung so schön ausdrückt: der Lindigkeit, sichtbar machen: Unabhängig von sozial-, wirtschafts- und ordnungspolitischen Strategien ist auch die spontane emotionale Regung, die von Herzen kommende Güte ein Teil des Bildes, das wir von uns selber haben sollten: Wir wollen und können auch gut sein und Gutes tun, weil wir selber die Güte Gottes und der Menschen erfahren.

Es ist wahr: Jesus warnt vor den Heuchlern, die sich öffentlich auf den Plätzen als fromme und gute Menschen hofieren lassen. Stattdessen sollte die Linke nicht wissen, was die Rechte tut. Die Öffentlichkeit muss nicht alles wissen, was wir für das Allgemeinwohl tun, und wir selbst sollten es nicht nötig haben, stets öffentlich gelobt zu werden. Wir kennen Beispiele von Menschen, die einen winzigen Bruchteil ihres durch Unmenschlichkeit erworbenen Vermögens spenden, um ihr Image zu pflegen und gleichzeitig große Summen an Steuern hinterziehen.

Das ist aber nur die eine Seite. Zur Verkündigung des Apostels gehört auch das Lob des dankbaren und uneigennützigen Gebers in Freiheit und Dankbarkeit. So lobt Paulus ausdrücklich die Gemeinde in Philippi für ihre materielle Unterstützung seiner Arbeit und sammelt Kollekten für die Gemeinde in Jerusalem. Er ist davon überzeugt, dass Gott nach seinem Reichtum auch dem materiellen Mangel abhilft.

Auch das ist ein Teil, der die Arbeit der Stiftung des Evangelischen Kirchenkreises Münster ausmacht: Sie will Menschen dazu ermutigen, sich selbst als Menschen zu sehen und zu erfahren, die aus Glauben und einer Haltung des Wohlwollens heraus Gutes tun. Dafür muss man sich nicht schämen. Ja, dafür darf man sogar seinen Namen hergeben und ihn mit einer eigenen Stiftung verbinden.

Welche Bilder wollen wir erzeugen? Das Leitbild des durchsetzungsstarken Ellbogenvirutuosen oder das Leitbild des dankbaren und großzügigen Menschen, der gibt, weil er selbst beschenkt wurde? Wenn wir das zweite wollen, dann sollten wir auch ein Klima schaffen, in dem dieses Bild an Beispielen sichtbar werden kann.

„In dir ist Freude!“„Freuet euch in dem Herrn allewege!“ – Das ist doch eine gute Botschaft, die wir mitnehmen können von diesem Festtag des zehnjährigen Jubiläums. Und wenn wir hier oder dort oder dann oder wann vor der Frage stehen: Was steht jetzt gerade an für mich? Dann könnte die Antwort lauten: „Versuch’s doch mal mit Lindigkeit!“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.




[1] aus: „Ein feste Burg ist unser Gott“, im Anschluss an die Predigt gesungen[2] [Luther-Bibel 1912: Der Brief des Paulus an die Philipper. Die Luther-Bibel, S. 9225. (vgl. Phil 4, 6-7) http://www.digitale-bibliothek.de/band29.htm ] [Luther-Bibel 1912: Der Brief des Paulus an die Philipper. Die Luther-Bibel, S. 9225

(vgl. Phil 4, 4-7) http://www.digitale-bibliothek.de/band29.htm ]