Vita und Bilder
Rezensionen
Publikationen
Vorträge
Predigten
Mt 5,14-16
Stiftung Münster
"Und ich?" Predigt (Lk 15)
Impressum
   
 


„…und ich?“ - Lukas 15,11-32

Predigt über die Geschichte vom verlorenen Sohn, bzw. vom gütigen Vater, bzw. vom Vater mit den zwei Söhnen, bzw. von den zwei Brüdern, bzw. von uns...

11Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. 12Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. 13Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. 14Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben 15und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. 16Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. 17Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! 18Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. 19Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! 20Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. 22Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein! 24Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein. 25Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen 26und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. 27Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. 28Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. 29Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. 30Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. 31Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. 32Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Liebe Gemeinde,

„das war damals ein denkwürdiger Tag, als mein kleiner Bruder auf einmal wieder aufkreuzte nach all den Jahren. Ich komme von der Feldarbeit zurück und höre fröhliches Singen und Tanzen. Ich rufe einen Diener herbei und frage ihn: ‚Was ist denn da los?‘ – ‚Dein Bruder ist wieder da, er trägt jetzt ein Festgewand, einen Ring und Schuhe. Das hat dein Vater so gewollt. Ein Mastkalb wurde geschlachtet, und es gibt Musik.‘ Ich war wie vom Donner gerührt. Ich spürte, wie es in mir kochte und dachte nur: ‚Das darf ja wohl nicht wahr sein!‘“ Da war ich ja wohl völlig fehl am Platz, und ich weigerte mich, dazu zu stoßen.

Immerhin: Als Vater hörte, wie diese Sache bei mir ankam, ließ er meinen kleinen Bruder stehen, verließ auch die Festgesellschaft und kam zu mir heraus. Er redete mir gut zu. Ich dachte natürlich erst: Der will mich jetzt nur beschwichtigen und ruhig stellen. Ich war aufgebracht und ließ ihn meine ganze Empörung spüren. Ich machte ihm Vorhaltungen: ‚Und ich? Was ist mit mir?‘ Er ließ sich das gefallen und hörte sich das alles an. Noch heute sehe ich sein Gesicht vor mir – mir zugewandt und freundlich, aber zugleich auch ernsthaft und entschlossen, als er diesen Satz sagte: ‚Mein Sohn, du bist immer bei mir, und dir gehört alles, was ich habe. Wir konnten doch gar nicht anders als feiern und uns freuen. Denn dein Bruder war tot, jetzt ist er wieder am Leben! Er war verloren, aber jetzt ist er wiedergefunden!‘

Da stand ich nun: Sollte ich reingehen und mitfeiern? Sollte ich den Laden aufmischen und eine Szene machen, dem ganzen Sauhaufen da drinnen so richtig meine Meinung geigen? Sollte ich draußen bleiben und mich meinem Groll hingeben oder mich vielleicht sogar meinerseits auszahlen lassen und wegziehen? Sollen sie doch sehen wie sie klar kommen – der Alte und mein feiner kleiner Bruder! Ich werde ja wohl nicht mehr gebraucht!“

Liebe Gemeinde,

so könnte sich der ältere Bruder im Rückblick an diesen denkwürdigen Tag erinnern, als sein kleiner Bruder wieder nach Hause kam.

Wir erfahren nicht, wie er reagiert hat. Das ist natürlich schade. Ich hätte natürlich schon gerne gewusst, wie die Geschichte ausgegangen ist. Warum erzählt Jesus die Geschichte nicht zu Ende? Er ist doch ein so begnadeter Geschichtenerzähler. „Eben!“ – würde der Evangelist Lukas mir jetzt antworten. So ist das immer mit Jesus und mit den Geschichten, in die erzählt. Wenn du sie hörst, steckst du schon selber drin. Du musst sie mit deinem eigenen Leben weiter erzählen, und Gott bringt sie dann zu Ende.

Aha. Ich soll also die Geschichte, in die Jesus mich hineinerzählt hat, mit meinem eigenen Leben weiterführen. Und wir als christliche Gemeinden und Kirchen sollen uns auch dazu verhalten, wie diese Geschichte weitergehen soll. Wie also soll sie weitergehen bei mir, bei uns? Fragen Sie sich einmal selbst: „Wie würden Sie reagieren, wenn Sie der ältere Bruder wären?“ Würden Sie

-       reingehen und mitfeiern?

-       den Laden aufmischen und eine Szene machen?

-       draußen bleiben und schmollen?

-       die Brocken schmeißen, das Erbe auszahlen lassen und wegziehen?

In einem abwägenden Für- und Wider könnte wir für jede Verhaltensweise gute Gründe und verständliche Motive finden. Wenn ich reingehe und mitfeiere, gebe auch ich dem kleinen Bruder eine zweite Chance, aber weiß ich – ob er es wirklich ehrlich meint? Vielleicht schwätzt er dem Vater auch noch den mir zustehenden Erbteil ab und macht sich damit aus dem Staube! Den Laden aufzumischen und eine Szene zu machen hätte ich jedes Recht. Der Vater hätte mindestens abwarten und mich fragen können! Nach dieser Konfrontation können wir uns immer noch über die Spielregeln für eine gemeinsame Zukunft verständigen. Draußen bleiben und schmollen, wäre zumindest ehrlich. Ich könnte erst einmal Abstand und Zeit gewinnen und mich beruhigen. Dann sehen wir weiter. Die Brocken schmeißen und gehen – warum nicht? Was meinem Bruder recht ist, sollte mir billig sein. Wenn ich scheitere, sollte mein Vater mich wohl ebenso behandeln wie meinen Bruder, und wenn nicht, umso besser: dann war die Krise auch eine Chance.

Der Vater, von dem Jesus erzählt, ist nun aber anders vorgegangen. Und wenn Jesus von einem Vater erzählt, dann schwingt natürlich immer etwas von seinem Glauben an seinen Vater im Himmel mit. Jesus spricht von dem Vater, der zwei Söhne hat. Beiden begegnet er auf seine eigene Weise: Den einen nimmt er mit Freuden auf – dem andern geht er mit Güte nach. Keinen von beiden lässt er fallen. Der eine wagt kaum zu hoffen, dass für ihn noch Platz in der Nähe des Vaters sein kann. Es ist wie die Auferstehung aus Tode eines verlorenen Lebens. Der andere hat große Zweifel, ob er seinem Vater wirklich etwas bedeutet. Da geht es nicht um das Thema: „Jetzt hab dich nicht so und stell dich nicht so an!“ Die Botschaft lautet vielmehr: „Du bist immer bei mir, und was mir gehört, das gehört auch dir.“ Da geht um das Bleiben im Hause des Herrn immerdar, in dem mir Gutes und Barmherzigkeit folgen ein Leben lang.

Nicht zufällig hat der Evangelist Lukas noch zwei weitere Geschichten vom Verlorenen in demselben Kapitel gesammelt, in dem auch unsere Erzählung vom Vater mit den zwei Söhnen steht: Das Gleichnis vom verlorenen Schaf und das Gleichnis von der verlorenen Münze. Der Hirte lässt 100 Schafe zurück, um das eine verlorene Schaf zu finden. Die Frau im Hause lässt alle Münzen liegen und lädt die Nachbarinnen und Freundinnen ein, als sie die vermisste Münze – immerhin ein beträchtlicher Teil ihrer Aussteuer, wiedergefunden hat. Und dann gibt es ja auch noch die Sache mit den Arbeitern im Weinberg: Die anderen Arbeiter haben den ganzen Tag gearbeitet, so wie es auch mit ihnen vereinbart war. Aber auch der letzte Arbeiter, obwohl er nur kurz mit von der Partie war, bekommt als Lohn, was er zum Leben braucht. Darüber kann man sich genauso ärgern, wie der ältere Bruder sich darüber ärgert, dass sein kleiner Bruder ohne Vorbedingungen und ohne Einschränkungen und Vorbehalte wieder als Sohn des Vaters in der Hausgemeinschaft lebt.

In keinem einzigen Fall erfahren wir, ob die Sache denn am Ende wirklich gut ausgegangen ist. Wir wissen nicht, ob während der Suche nach dem einen Schaf nicht wegen mangelnder Aufsicht in anderes krank geworden ist. Und wir wissen auch nicht, ob nicht am Tag nach dem schönen Münzfund schon am nächsten Tag eine andere Münze abhandengekommen ist, so dass die gerade noch mitfeiernden Nachbarn sich jetzt das Maul über ihre schusslige Freundin zerreißen. Und nicht zuletzt: Was ist denn aus dem Erzähler der schönen Geschichten geworden? Die Tempelwache hat ihn gefangengenommen, ein Jünger hat ihn verraten, einer ihn verleugnet, die anderen sind geflohen und am Ende stand das Kreuz. Ob das klug ist und ob es erfolgreich ist und ob das allseits auch so gesehen wird, dass das missratene Früchtchen wieder Sohn und Bruder sein soll, bleibt offen. Im Reich Gottes aber, da also, wo Gott der Vater ist, wo er das Sagen hat, da ist das so. Und allen, die im Glauben und in der Nachfolge leben wollen, schreibt Jesus ins Stammbuch: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, so wird euch alles andere zufallen.“ Klare Prioritäten.

Und jetzt? Jetzt versetze ich mich doch noch einmal in die Lage des älteren Bruders, der sich an die Rückkehr des verloren geglaubten Sohnes erinnert:

„Ja, so war das. Ich stand da draußen. Auf Vaters Hof wurde gefeiert, mein Bruder stand im Mittelpunkt, alle Leute waren beschäftigt – die einen mit bewirten, die anderen mit reden, singen und tanzen, Vater war glücklich. Das hat mich schon auch berührt. Und ich?

Unser Wortwechsel ließ mich nicht los. Was hatte ich ins Feld geführt? ‚Ich habe für dich geschuftet. Ich war nie ungehorsam. Ich habe nichts von dir bekommen‘. Aber während ich mich innerlich selber noch reden hörte, fragte ich mich gleichzeitig: Glaube ich das eigentlich selber, was ich da sage?

-       Ist die Arbeit, die ich gemeinsam mit Vater auf dem Hof mache, wirklich immer nur ‚Sklavenarbeit‘, oder ist sie nicht vielmehr Teil unseres gemeinsamen, erfüllten Lebens, Mühe im Schweiße des Angesichts inbegriffen?

-       Geht es bei uns wirklich um Gehorsam oder Ungehorsam, Pflichterfüllung und Lohnanspruch? Ist nicht vielmehr diese Haus- und Lebensgemeinschaft hier meine Heimat, wo wir aufeinander schauen, loyal und im wechselseitigen Geben und Nehmen, Hand in Hand, Reibereien und Meinungsverschiedenheiten inklusive?

Warum komme ich ausgerechnet jetzt darauf, dass Vater mir kein Lamm zum Schlachten mit meinen Freunden gegeben hat? Habe ich ein einziges Mal dieses Bedürfnis gespürt oder gezeigt? Ich hätte es mir doch auch nehmen können; denn es ist doch sowie Teil meines Erbes. Ich hätte meine Freude und meinen Vater dazu einladen können, der immer darauf vertraut hat, dass es mir bei ihm gut geht. Und jetzt, da mein kleiner Bruder zurückkommt, habe ich damit auf einmal ein Problem?

Der da, dein Sohn, hat sein Erbe mit Huren durchgebracht‘, hatte ich ihm ins Gesicht geschleudert. Dein Sohn! Aber Vater schaut mich an und sagt: ‚Mein Sohn, dein Bruder war tot, jetzt ist er wieder am Leben. Er war verloren, jetzt ist er wiedergefunden. Wir konnten doch gar nicht anders als uns darüber zu freuen‘. Wo waren meine Maßstäbe geblieben?

Hier eine Party zu viel – und dort ein ganzes Leben in Gefahr.

Ich habe mir gesagt: ‚Wenn nun der verlorene Sohne wieder da ist, soll die Sache dann am Ende wirklich so ausgehen, dass ich sowohl meinen Bruder wie auch meinen Vater und letztlich mich selbst verliere? Dann wäre schließlich ich der verlorene Sohn, und zwar aus eigenem Willen und aus eigener Entscheidung. Womöglich ist es jetzt an mir, die Kurve zu kriegen und umzukehren.‘

Ich habe mein Gedankenkarussell verlassen mit dem ganze Pro und Kontra, Ja und Nein und Aber. Ich habe mich entschieden, darauf zu vertrauen, dass wir letztlich nur miteinander eine Chance haben, wenn keiner verloren gehen soll. Es ist mir nicht leicht gefallen. Aber wo steht geschrieben, dass Umkehr leicht und locker zu haben wäre? Schaffen wir das? Keine Ahnung. Am Ende der Tage werden wir es sehen. Bis dahin haben wir immerhin einander und diesen unglaublichen Vater, der nichts und niemand verloren gibt.“

Amen.