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Von Superintendent Prof. Dr. Dieter Beese




Eine begleitende Power-Point-Präsentation im pdf-Format finden Sie hier: 


Ethik und Kirche als Sozialgestalt - Präsentation.pdf



Die vorliegende Abhandlung dient als komprimierter theologischer Lehrvortrag für Doktoranden der Diakoniewissenschaft. Ihre Perspektive ist die einer theologischen Ethiktheorie im Sinne einer theologischen Metaethik. Sie erörtert, wie Kirche als transmoralisches Sozialphänomen mit Ethikfragen umgeht.

Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass Kirche und Diakonie in ihrer gegenwärtigen Verfasstheit sich als transmoralische Sozialphänomene in ihren Selbstfestlegungen wechselseitig miteinander identifizieren. Dabei ist die Geltung dieser Selbstaussagen in rechtlicher, moralischer und praktischer Hinsicht von ihrer Genese als kirchenpolitischer Kompromiss zu unterscheiden. Die Selbstaussage gemeinsamen Kirche Seins samt der sozialen Realität, welche Kirche und Diakonie, gemessen an den damit gesetzten normativen Ansprüchen, gleichermaßen abbilden und verfremden, wird als kirchlich-religiöse Praxis wahrgenommen und mit Hilfe theologischer Kategorien analysiert und interpretiert. Dies geschieht nicht voraussetzungslos, sondern ausgehend von den Grundannahmen reformatorischer Theologietraditionen.

Nach einer pragmatischen Klärung ethischer Begriffe wird vor dem Hintergrund der Rechtfertigungslehre Kirche als Sozialgestalt erörtert. Dies ermöglicht eine Ortsanweisung des Themenbereichs Ethik und Moral innerhalb einer theologischen Perspektive auf die Kirche. Die Bedeutung von Ethik, ihrer Quellen, Kriterien und Methoden werden in ihrer Unterschiedlichkeit je nach philosophischem, religiösem und konfessionellem Kontext angesprochen. Theologisch-ethische Perspektiven auf die Sozialgestalt der Kirche ergeben sich im unausweichlich notwendigen Dialog zwischen theologischen und philosophischen Zugangsweisen. Normative, präskriptive und metaethische Diskurse sind darin ebenso einbezogen wie hermeneutische, systematische und empirische Zugangsweisen. Kirche ist Gegenstand ethischer Reflexion aus theologisch-kirchlicher und philosophisch-außerkirchlicher Perspektive. Sie ist außerdem Subjekt ethischer Reflexion sowohl auf sich selbst wie auch auf ihre Umwelt.

Der für Kirche und Diakonie in der gegenwärtigen Situation relevante mentale, kulturelle, praktische und rechtliche Kontext ist der volkskirchliche Kontext in seinen unterschiedlichen Intensitäts- und Transformationsstufen. Unter dem Einfluss des Neuprotestantismus stellt das volkskirchliche Paradigma die Rekonstruktion der aus der Rechtfertigungslehre sich ergebenden Leitlinien für die Sozialgestalt der Kirche dar. Im Dialog zwischen Theologie und Philosophie werden die gemeinsam betrachteten Dimensionen, Bereiche und Verfahren im Blick auf die Sozialgestalt der Kirche benannt und das Profil reformatorisch-theologischen Umgangs mit Ethikfragen im Kontext spezifischer kirchlicher Sozialgestalten geschärft. Die Integration ethiktheoretischer Argumentationsreihen in die historischen, systematischen und praktischen Diskurse der Theologie ist die Voraussetzung für eine Kirchentheorie, auf deren Grundlage theoriegeleitete Maximen (kybernetische Prinzipien) kirchlichen und diakonischen Wahrnehmens, Urteilens und Handelns entwickelt werden können.

0.                   Zum Thema

Drei Aspekte sollen in diesem Beitrag in ihrem Verhältnis zueinander beleuchtet werden: Die Kirche, ihre soziale Gestalt und die Ethik. Dabei ist der Begriff „Kirche“ nicht auf die soziale Gestalt, Mentalität und Praxis der Kirchengemeinden, Kirchenkreise und Landeskirchen als Körperschaften öffentlichen Rechts beschränkt. Vielmehr wird der Tatsache Rechnung getragen, dass Kirche und Diakonie sich wechselseitig miteinander identifizieren.

1.       Die evangelische Kirche ist an Schrift und Bekenntnis gebunden.

1.1.    Die Kirche findet ihr Selbstverständnis in der Theologie reformatorischer Tradition als bekenntnisgebundene Schriftauslegung.

1.2.    Sie kooperiert eigenständig ökumenisch, interkonfessionell, interreligiös, gesellschaftlich und politisch entsprechend den Kriterien ihrer konfessionellen Tradition.

1.3.    Darin besteht ihre Bindung und ihre Freiheit - ihr Profil.

2.       Kirche und Diakonie identifizieren sich miteinander.

2.1.    Die EKD bekennt sich zur  Diakonie in ihrer Grundordnung als Wesens- und Lebensäußerung der Kirche. Wesensäußerung heißt: Kirche ist ohne Diakonie nicht Kirche. Lebensäußerung heißt: In der Diakonie lebt Kirche, oder sie ist nicht Diakonie.

2.2.    Die Diakonie bekennt sich ihrerseits in ihrem Leitbild zur Kirche: Diakonie ist Kirche. Das heißt: Diakonie ist ganz Kirche, aber sie ist nicht die ganze Kirche. Kirche ist Kirche nur als diakonische Kirche, aber sie ist nicht ausschließlich diakonische Kirche.

2.3.    Die Kirche im Sinne der EKD und der Diakonie ist Konfessionskirche. Sie ist nicht irgendwie Kirche, sondern bekennt sich als Kirche in reformatorischer Tradition. Die EKD bekennt sich zur Diakonie, nicht zur Caritas. Diakonie bekennt sich zur EKD, nicht zur röm.-kath., orthodoxen Kirche oder Freikirche.

3.       Christliche und von Christen geleitete Sozialunternehmen sind Teil des Wirtschaftssektors der Gesellschaft.

3.1.    Sofern Unternehmen usw. „Diakonie“ sind, sind sie Kirche, weil sie sich als Kirche bekennen. Sie haben ausdrücklich am gesamten kirchlichen Auftrag teil.

3.2.    Christen können alle weltlichen Berufe ergreifen, auch Unternehmen gründen, also auch sozialwirtschaftlich tätig sein. Und das ist gut so.

3.3.    Unternehmen der Sozialwirtschaft sind nicht Kirche. Sie bekennen sich nicht als Kirche und müssen dies auch nicht tun. Unbeschadet dessen können sie ihr Verhältnis zur Christentumstradition nach eigenem Ermessen definieren und dabei auch christlichen Prinzipien folgen.

4.       Kirche soll und will nicht lediglich eine beliebige Äußerung des allgemeinen religiösen oder gesellschaftlichen Lebens sein. Das ist sie notwendiger Weise auch. Sie soll und will aber darüber hinaus etwas Bestimmtes tun und sein:

4.1.    Als eine Gemeinschaft des Glaubens soll und will sie von ihrem Auftrag in Wort und Tat Zeugnis ablegen.

4.2.    Kirche ist also (unter anderem neben z. B. spirituellen und religiösen auch) mit moralischen Erwartungen befasst. Um sachgemäß mit Moralerwartungen umzugehen, bedarf es eines theoriegeleiteten Umgangs mit ihnen.

4.3.    Das wirft die Frage auf: Wie kann Kirche, sofern sie in einer bestimmten sozialen Gestalt auf den Plan tritt, ihr Verhältnis zu Moralfragen sachgemäß klären?

I. Kirche entspringt vormoralisch dem Wort und gibt (auch) moralisch Antwort. 

1. Ethik ist die wissenschaftliche Prüfung moralischer Geltungsansprüche.

Theorie und Praxis unterscheiden sich voneinander und sind zugleich einander zugeordnet. So sind auch Ethik und Moral zu unterscheiden, ohne sie zu trennen. Begriffliche Klarheit hilft, Missverständnisse zu vermeiden. Daher zur Klärung der Begriffe am Beginn folgende Hinweise:

1.1   Ethik – Moraltheorie – Sittenlehre: Diese drei Begriffe bezeichnen die Wissenschaft zur kritischen Prüfung ethischer, moralischer oder sittlicher Geltungsansprüche. Kritische Prüfung von Geltungsansprüchen schließt nicht aus, dass derartige Geltungsansprüche zu Recht bestehen oder zumindest plausibel gemacht werden können. Aber moralische Geltungsansprüche müssen, bevor sie anerkannt oder geltend gemacht werden, zunächst einer kritischen Prüfung unterzogen werden.

1.2   Ethos – Moral – Sitte: Tatsächlich gelebter oder geforderter Geltungsanspruch, der über ein biologisches oder durch Machteinwirkung gesetztes Müssen hinausgeht. Bereits die gewöhnliche Alltagskommunikation ist von Sollensansprüchen durchsetzt. In jeder Sprache finden sich wertende Wortbildungen und das Handeln leitende Imperative. Zusammenleben von Menschen geschieht nicht ohne moralische Kommunikation. Dabei bezieht sich Moral stärker auf die subjektive Seite dessen, was man tut oder was sich gehört, die Sitte stärker auf die objektive Seite. Im Ethos kommt beides zusammen.

1.3   Ethisch – moralisch – sittlich: Auf ein Ethos, eine Moral oder eine Sitte bezogen. Die Begriffe ethisch, moralisch und sittlich werden gewöhnlich synonym gebraucht. Das konstatierte ethische, moralische oder sittliche Verhalten oder Handeln wird in der Regel mit einer positiven Konnotation versehen. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch sagt dies zunächst nicht mehr, als dass ein Verhalten oder Handeln einem bestimmten Ethos, einer bestimmten Moral oder einer bestimmten Sitte entspricht, unabhängig von der Frage, ob diese zu Recht Geltung beanspruchen.

 

2. Kirche im geschichtlich-empirischen Sinn ist ein transmoralisches Sozialphänomen.

Die Kirche hat notwendiger Weise eine soziale Gestalt. Das Kirche Sein der Kirche erschöpft sich aber nicht darin, als soziales Phänomen aufzutreten oder auf soziale Phänomene einzuwirken. Auch ist das Kirche Sein der Kirche nicht darin begründet, in einer bestimmten Weise in Raum und Zeit präsent zu sein. In welchem Sinne ist von „Sozialgestalt der Kirche“ die Rede?

2.1   Der Begriff „Kirche“ ist mehrdeutig. Er bezeichnet ein Gebäude, eine im sozialen Leben vorkommende institutionell-organisatorisch gestaltete Glaubensgemeinschaft tatsächlicher Personen und eine vorempirische Größe. Diese vorempirische Größe macht sich jenseits moralischen Sollens als Instanz zur Bewertung der Qualität des sozialen Lebens geltend oder wird dafür in Anspruch genommen. Bis hin zum architektonischen Auftreten der Glaubensgemeinschaft im öffentlichen Raum wirkt sich der vorempirische Ursprung der Kirche als Zuspruch und Anspruch aus.

2.2   Man kann diesen Zuspruch und Anspruch als a-moralisch oder transmoralisch beschreiben, jedoch nicht als unmoralisch; denn der Geltungsanspruch der so genannten geglaubten, unsichtbaren oder verborgenen Kirche verhält sich gegenüber dem Handeln der so genannten erfahrenen, sichtbaren oder geschichtlichen Kirche handlungsleitend, nämlich durch affirmative und kritische Wertungen.

2.3   Wir befassen uns im Rahmen des Themas „Ethik und die Sozialgestalt der Kirche“ mit der Frage nach moralischen Geltungsansprüchen. Diese Geltungsansprüche werden auf die im sozialen Leben begegnende Glaubensgemeinschaft angewandt. Und diese Geltungsansprüche werden ihrerseits von der Kirche gegenüber anderen geltend gemacht. Kirche ist als transmoralisches wie transempirisches Sozialphänomen zugleich Subjekt und Objekt moralischer Erwartungen. Sie muss daher ihr Verhältnis zur Ethik und zu ihrer eigenen sozialen Gestalt klären.

 

Exkurs

Kirche als transmoralisches Phänomen

Kirchentheoretische Konsequenzen der Rechtfertigungslehre

Literatur: Heimbrock, Hans-Günter: Gewissen, V. Praktisch-theologisch, in: TRE XIII, S. 234-241, Ziff. 3.3, S. 239; Huber, Wolfgang: Die Rolle der Kirchen als intermediärer Institutionen in der Gesellschaft. 14. 09. 2001, Humboldt-Universität Berlin, Symposion „Die Zukunft des Sozialen“ (Ziffer 4), www.ekd.de; Mokrosch, Gewissen und Adoleszenz. Christliche Erziehung im Jugendalter, Weinheim 1996, S. 155ff; Körtner, Ulrich H. J.: Evangelische Sozialethik, Göttingen 1999, S. 77, S. 98-105, besonders S. 99f.; Tillich, Paul: Das religiöse Fundament des moralischen Handelns, GW III, S. 66-70.

Transmoral und Transzendenz bei Paul Tillich

Im Jahre 1963 erschien Paul Tillichs Publikation „Morality and Beyond“ in New York. 1966 folgte seine deutsche Übersetzung und Veröffentlichung als Band 3 der von Renate Albrecht herausgegebenen Gesammelten Werke mit dem Titel „Das religiöse Fundament des moralischen Handelns. Schriften zur Ethik und zum Menschenbild“.

In der Grundlegung zur Ethik untersucht Tillich die religiöse Dimension des moralischen Imperativs, den religiösen Ursprung der moralischen Gebote und das religiöse Element in der Motivation zum moralischen Handeln. In der Auseinandersetzung mit dem Gewissensbegriff Martin Luthers prägt Tillich die Formulierung „Die Idee eines transmoralischen Gewissens“ (S. 66). Er greift damit die Erkenntnis der Reformation auf, dass die Rechtfertigung durch Gott nicht durch gute Werke und die Verwerfung durch Gott nicht durch böse Werke erfolgt. Gott macht vielmehr aus dem gefallenen Geschöpf allein durch Gnade eine neue Kreatur. Luther hat die Ambivalenz des Moralischen deutlich erkannt und weiß, dass auch Christen nur in Versuchung und Anfechtung ihren Glauben bewahren und bewähren können. Es bedarf der täglichen Erneuerung des Lebens im Vertrauen auf Gottes Gnade. Tillich übersetzt dies so: „Das gute, transmoralische Gewissen besteht in der Annahme des bösen, moralischen Gewissens, das unvermeidlich ist, wo immer Entscheidungen getroffen und Taten getan werden.“ (S. 69)

„Transmoral“ und Moral, also das Vor- oder Außermoralische (nicht: das Unmoralische als bloße Verfehlung oder Verleugnung des Moralischen) steht in einem Wechselverhältnis zur Moral. Aber auch das Wechselverhältnis ist ambivalent. Ein übergreifender Deutungshorizont kann Moral heben, er kann sie aber auch verderben: „’Transmoralisch’ kann die Wiederherstellung der Moral aus einem Punkt oberhalb der Moral bedeuten, oder sie kann die Zerstörung der Moral aus einem Punkt unterhalb der Moral bedeuten.“ (S. 69)

Das moralische Gewissen wird notwendiger Weise immer wieder transzendiert: „Tatsächlich ist es unmöglich, das moralische Gewissen nicht zu transzendieren, weil es unmöglich ist, ein empfindliches und ein gutes Gewissen miteinander zu vereinen.“ (S.70) Tillichs Überlegungen sind prinzipiell und zeitgeschichtlich zu lesen: Die Auseinandersetzung mit dem Ideologieproblem angesichts der nationalsozialistischen und kommunistischen Diktaturen sowie angesichts des McCarthyismus in Amerika als Kampf um die bürgerliche Freiheit gegen antikommunistischen Populismus stellten eine dramatische Herausforderung gegenüber dem Freiheitsverständnis aus reformatorischer Tradition dar. Dieses reformatorische Freiheitsverständnis wird nach Tillich in einer offenen, demokratischen Gesellschaft bei aller bleibenden Zweideutigkeit adäquat aufgenommen.

Moralerziehung als Erziehung zur Freiheit

Hans-Günter Heimbrock zieht 1984 in seinem Beitrag zur TRE, „Gewissen. Praktisch Theologisch“,  aus der Unterscheidung von reformatorischem und moralischem Gewissensverständnis die Konsequenz, dass Erziehung in evangelischer Perspektive nicht mehr Bestandteil allgemeiner Moralerziehung sein kann: Nicht eine Differenz von Sein und Sollen oder etwa die Erfahrung des Schuldigwerdens oder des Gefühls von Schuld ist Ansatzpunkt pädagogischen Handelns, sondern die „Erfahrung versöhnter Schuld“ (S. 239). Heimbrock zitiert zustimmend Mokrosch: „Ein evangelischer Umgang mit dem Gewissen ‚hat dementsprechend die Aufgabe, zu einem transmoralisch-nichtnormativen Verhältnis zu Normen und Werten zum Zwecke der Freiheits- und Identitätsfindung hinzuführen.‘“ (S. 239, Zitat Mokrosch S. 155f.)

Was für den Gewissensbegriff und für die Gewissensbildung gilt, kann auf die Ethikdidaktik in evangelischer Perspektive insgesamt ausgeweitet werden und bildet ihren Beitrag zur allgemeinen Ethikdidaktik: Moralische Geltungsansprüche beruhen auf Voraussetzungen, die den Bereich der Moral überschreiten bzw. ihr voraus liegen. Ethik muss daher moralische Geltungsansprüche kritisch prüfen, ohne sie von vornherein zu bestreiten. (Dies wäre seinerseits eine Ausblendung des Wechselverhältnisses von Moral und transmoralischer Sphäre.) Theologisch gesprochen: Es bedarf immer wieder neu des Hörens auf das Evangelium, in dem Gottes Anspruch und Zuspruch an die Menschen ergeht. Wir haben die Moral immer nur, als hätten wir sie nicht. Aus diesem Grunde kann es weder ein wissenschaftliches oder politisches noch ein kirchliches Lehramt des Glaubens und der Sitten geben, das in einer Person, einer Institution oder einem Verfahren abschließend über die Geltung moralischer Sätze befinden könnte.

So wenig wie der Mensch abschließend durch wissenschaftliche Erkenntnisse, politische Machtverhältnisse oder religiöse Festlegungen definiert werden kann, weil Gott ihm immer wieder neu begegnet und ihn neu schafft, so wenig kann auch abschließend festgelegt werden, was für sein Verhalten maßgeblich ist. Deshalb kommt auch eine intentionale Moralerziehung nicht in Betracht. An deren Stelle tritt die Ermöglichung und Ermutigung von Erfahrungen des Angenommenseins sowohl im Gelingen als auch im Scheitern.

Evangelische Sozialethik als Verantwortungsethik

Ulrich Körtner entfaltet seine Sozialethik aus dem Jahre 1999 als Verantwortungsethik. Es geht ihm um die Frage, was evangelischer Glaube zu einem verantwortlichen Umgang mit anvertrauten Gütern beiträgt. Eine Sollensethik und eine Strebensethik sind als integrative Ethik komplementär vermittelt. (S. 77) Dazu entwickelt er eine Theorie der ethischen Wahrnehmung. Der Begriff der Verantwortung allein ist noch nicht hinreichend. Denn: „Eine Verantwortungsethik hat außer- oder transmoralische Voraussetzungen, die man in gewisser Hinsicht als ästhetisch bezeichnen kann. Diese schließt den leiblichen und affektiven Bereich des Menschseins ein. Ohne eine der Wahrnehmung entsprechende Motivation, für die Begriffe wie Liebe, Mitleid, Wohlwollen oder Barmherzigkeit stehen, gibt es kein moralisches bzw. moralfähiges, d. h. einer nachträglichen moralischen Beurteilung standhaltendes Handeln.“ (S. 77)

Wenn Körtner den Ansatz seiner Verantwortungsethik theologisch entfaltet, greift er ausdrücklich auf die Rechtfertigungslehre und deren Interpretation durch Paul Tillich zurück und beantwortet mit ihm zustimmende die Frage „ob nicht jede Ethik bewusst oder unbewusst von transmoralischen Voraussetzungen lebt.“ (S. 99) Körtner formuliert sehr treffend im Blick auf das Beispiel des Lebens und seines Schutzes im Blick auf künftige Generationen: „Auch im ethisch in Anspruch genommenen Lebensbegriff liegt zumeist eine ‚kryptische Theologie’ verborgen, die bewusstzumachen und zu diskutieren ist.“ (S. 99)

Diese Zugehensweise ermöglicht es, ethische Situationen oder Fragestellungen, die zu moralischen Stellungnahmen herausfordern, auf ihren latenten theologischen Gehalt hin zu dechiffrieren, den moralischen Horizont auf das Transmoralische hin zu überschreiten (transzendieren) und mit jenen transmoralisch gewonnen Kategorien erneut in die Interpretation der ethischen Situation einzutreten.

Was Ernst-Wolfgang Böckenförde vom Verhältnis des Rechtsstaats zu seinen vorrechtlichen Voraussetzungen sagt: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann" (Staat, Gesellschaft, Freiheit, 1976, S. 60), gilt analog für das Verhältnis von Moral und transmoralischen Kategegorien, die Körtner mit dem Begriff „ästhetisch“ belegt.

Kirche der Freiheit statt Hüterin der Moral

Wenn die evangelische Kirche im gesellschaftlichen Prozess ihre Aufgabe auftragsgemäß erfüllen will, wird sie deutlich machen müssen, dass sie nicht in erster Linie Wertelieferantin oder die Repräsentantin der Moral allgemein oder einer bestimmten Form von Moral ist. Dies würde sich in einer entsprechenden politischen Programmatik konkretisieren. Dem Dilemma zwischen gesellschaftlicher Anstandsdame oder politischer Kombattantin könnte sie in diesem Fall nicht mehr entweichen.

Wolfgang Huber räumt dementsprechend selbstkritisch ein, die Kirche habe auf den neuzeitlichen Säkularisierungsprozess mit einer Ethisierung der Religion geantwortet und diesen Säkularisierungsprozess in einem Prozess der Selbstsäkularisierung aufgenommen: „Die moralischen Forderungen der Religion wurden zum dominierenden Thema; die transmoralischen Gehalte der Religion, die Begegnung mit dem Heiligen, die Erfahrung von Transzendenz traten in den Hintergrund.“ (Ziffer 4)

Was Huber für die Kirche im gesellschaftlichen Prozess zur Sprache bringt, ist für die Diakonie ebenfalls von grundlegender Bedeutung: Das moralische Handeln, also etwa die Gewährleistung professioneller Hilfeleistung oder Ziel führender beruflicher Qualifizierungsprozesse wird dem diakonischen Anspruch erst dann gerecht, wenn die Bezugnahme auf ihre transmoralischen Bedingungen und Voraussetzungen in Theorie und Praxis ausdrücklicher und integraler Bestandteil dieses Handelns ist. Nur im Kontext der Kommunikation des Evangeliums ist soziales Engagement Diakonie. Und nur als Teil der Kommunikation des Evangeliums sind sozialwissenschaftliche und humanwissenschaftliche Forschung als diakoniewissenschaftliche Forschung identifizierbar. Innerhalb dieses kommunikativen Kontextes bringt die Diakonie jedoch einen Beitrag in den gesellschaftlichen Prozess ein, der ihr unverwechselbares Profil gibt und ihr sowohl theologische Legitimität als auch gesellschaftliche Relevanz verleiht.

Kirche als transmoralisches Phänomen - Kirchentheorie vermittelt kybernetisch zwischen ethischem und dogmatischem Kirchenbegriff

In ihrer Selbststeuerung vollzieht Kirche im Wechselspiel von Kirchenordnung und Glaubensleben das Wechselverhältnis zwischen moralischer und transmoralischer Dimension ihrer Existenz. Die Kirchentheorie bringt den Prozess der Selbststeuerung der Kirche praktisch-theologisch auf den kybernetischen Begriff. Sofern die Kirche in ihren unterschiedlichen sozialen Gestalten im Kontext der Kommunikation des Evangeliums praktische Hilfeleistungen für Menschen erbringt, ist sie diakonisch tätig und realisiert Diakonie als Lebens- und Wesensäußerung der Kirche. Kirche als Diakonie ist Gegenstand diakoniewissenschaftlicher Forschung und Lehre.

[Ende des Exkurses]

 
 

1. Vormoralischer Grund und moralische Geltungsansprüche sind nach dem Zeugnis der Schrift miteinander verbunden.

Zunächst einmal fragt die Kirche sich natürlich selbst, ob es für ihre soziale Gestalt bindende Geltungsansprüche gibt. Gemeinsam ist allen christlichen Kirchen die Überzeugung, dass christlicher Glaube nicht ohne soziale Beziehungen sein kann. Glaube vollzieht sich letztlich in Beziehungen und damit eben auch in sozialen Beziehungen. Dies ist in der Verkündigung des Evangeliums selbst begründet, die als gute Nachricht durch Menschen an Menschen den Anbruch des Reiches Gottes als neue Schöpfung ausruft. In Taufe und Abendmahl zeigt sich die Gemeinschaft Gottes mit den Menschen, die zugleich als Glaubens- und Liebesgemeinschaft unter Menschen begegnet. Gemeinsam ist allen christlichen Kirchen auch die Überzeugung, dass sie die Frage, wie ihre soziale Gestalt aussehen soll, ausschließlich selbst aus ihrer Überzeugung und aus den Quellen ihres Glaubens heraus zu beantworten haben.

1.1   Entsprechend dem reformatorischen Schriftprinzip ist zu fragen, ob aus der Bibel gültige Aussagen zur Sozialgestalt der Kirche entnommen werden können. Dabei ist allerdings deutlich, dass schon dieser Frageansatz konfessionell geprägt ist. Man könnte auch zunächst danach fragen, welche Sozialform der Tradition der Kirche oder dem aktuellen religiösen Bewusstsein am ehesten entspricht.

1.2   Die Beantwortung der Frage nach einer biblisch geltend zu machenden bestimmten Sozialgestalt der Kirche ist umstritten und führt zur Trennung der einen christlichen Kirche in eine Vielzahl von Konfessionskirchen. Dabei lassen sich drei wesentliche Ausprägungen nennen: die römisch-katholische, die reformatorische und die charismatische.

1.3   Außer der grundsätzlichen Stellung der Schrift in der Kirche unterscheiden sich die Auffassungen quer zu diesen konfessionellen Differenzen auch im Blick auf ihre Auslegung. Ist die die Schrift unmittelbar im Wortlaut oder durch vernünftige Interpretation oder durch intuitives Erfassen zu verstehen?

 

2. Dass moralische Geltungsansprüche für die Sozialgestalt der Kirche gelten, ist christliches Gemeingut; worin diese moralischen Geltungsansprüche bestehen, ist umstritten.

Die Auffassungsunterschiede, die sich aus einem unterschiedlichen Schriftverständnis ergeben, betreffen den Kern der Ordnung der Kirche und die in ihr wahrgenommenen Ämter. Das Verhältnis zwischen Schriftverständnis, institutionellem Selbstverständnis und ethischer Modellbildung bzw. moralischer Positionsbildung ist nicht beliebig.

2.1   Wo die Überzeugung besteht, dass Glauben und Sitten der Kirche einer nur durch das kirchliche Amt und die Tradition vermittelten unmittelbaren Wahrheit verpflichtet sind, besteht jenseits dieses Amtes nur Raum zur Duldung, nicht aber zur Anerkennung.

2.2   Wo die Überzeugung herrscht, dass die Kirche in institutionell vermittelter Freiheit wechselnde soziale Gestalten einzurichten hat, besteht die Chance und die Herausforderung, aus Glauben die richtige Form der Sozialgestalt in der jeweiligen Zeitepoche zu finden.

2.3   Wo die Überzeugung herrscht, dass die Gläubigen unmittelbar aus ihrem Glaubensbewusstsein und ihrer Überzeugungskraft jenseits institutioneller Traditionen Gemeinschaft zu bilden haben, werden die missionarische Kraft und die aktuelle Bindungsfähigkeit zum Maßstab der sozialen Gestalt.

 

3. Wesentlich für die Sozialgestalt der Kirche ist in evangelisch-reformatorischer Tradition das tauftheologisch begründete Priestertum aller Gläubigen, dem das Amt der Predigt, der Dienst am Wort, zugeordnet ist.

Die Besonderheit der Evangelischen Kirche, ihr Proprium innerhalb der gesamten Christenheit besteht in der Lehre und Praxis vom Priestertum aller Gläubigen. Sie geht davon aus, dass es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Klerus und Laien nicht gibt, sondern alle getauften Glieder der Kirche durch den Glauben gleich unmittelbar zu Gott sind. Das Amt der Kirche fällt als Vermittlungsinstanz zwischen Gott und den Menschen aus, ist aber als göttliche Stiftung zur Predigt des Evangeliums in die Gemeinde gestellt, damit das Evangelium öffentlich bekannt gemacht wird. An der Wahrnehmung dieses Amtes in der versammelten Gemeinde ist für den Glaubenden zu erkennen, dass hier die Kirche Jesu Christi angetroffen werden kann. Die Vermittlung zwischen Gott und Mensch vollzieht sich allein durch den dreieinigen Gott im heiligen Geist.

3.1   Das heißt: Die Verantwortung im Alltag, der weltliche Beruf, nicht ein besonderer kirchlicher Stand oder eine besonderer Zustand des Erleuchtet Seins ist der Ort der Bewährung. Die Magd, welche die Treppe scheuert, steht nicht hinter dem Pfarrer, der das Evangelium verkündigt, und auch nicht hinter dem Propheten oder Asketen an Würde zurück. Jeder, der glaubt und getauft ist, lebt seinen Glauben als Glied der Kirche, als geschlechtliches Wesen, als Mitglied der Gesellschaft und als Bürger des Staates. Das ist sein geistlicher Beruf.

3.2   Das heißt des Weiteren: Für das Christsein der Christen und das Kirche Sein der Kirche kommt es nicht darauf an, wie schön ihre Zeremonien, wie moralisch ihr Wandel oder wie hoch ihr kirchlicher oder weltlicher Rang ist, sondern wie treu der Glaube und wie groß die Liebe zum Nächsten bis hin zum Feind ist.

3.3   Das heißt schließlich: Christen in weltlicher Verantwortung sind als getaufte Glieder der Gemeinde einzeln und in ihrer Gesamtheit das Subjekt ethischen Handelns aus Glauben, verstanden als freie und verantwortliche Antwort auf das Evangelium, das von Menschen verkündigt wird, und zwar von allen Menschen, öffentlich und regelmäßig jedoch nur durch dazu ordentlich berufene Diener am Wort. Sofern institutionell- organisatorische und sonst wie pragmatische Erscheinungsformen des Christlichen dem Zeugnis des Evangeliums in Wort und Tat entsprechen, sind sie legitim. Entspricht die Sozialgestalt der Kirche dem Evangelium nicht, so ist sie es nicht, auch wenn sie sich selbst christlich oder kirchlich nennt, auch wenn andere sie christlich oder kirchlich nennen. In besonders dramatischer Form wurde dies im Kirchenkampf zwischen der Bekennenden Kirche und den Deutschen Christen zur Zeit der NS-Herrschaft ausgetragen.

 

4. Ordnung der Kirche und Amtsverständnis bedingen sich gegenseitig; ihr wechselseitiges Verhältnis unterscheidet sich nach innerevangelischen Konfessionen.

Die Frage nach der Bedeutung des Amtes auf der Grundlage des Priestertums aller Gläubigen für die soziale Gestalt der Kirche wird in den Evangelischen Kirchen nicht einmütig beantwortet. Die lautere Verkündigung des Evangeliums und, damit verbunden, die richtige Verwaltung der Sakramente Taufe und Abendmahl, ist das einzige Erkennungsmerkmal, an der Christen die Kirche als Kirche Jesu Christi erkennen können. Diese Erkenntnis ist jedoch nicht objektivierbar. Sie setzt bereits Glauben voraus. Gemeinsam ist den evangelischen Kirchen, dass sie die Träger des Amtes oder des Dienstes am Wort durch eine besondere Berufung (Ordination, Beauftragung, Bevollmächtigung, Vokation) nicht nur von der Gemeinde, sondern auch von anderen Diensten in der Kirche unterscheiden. Ihren Inhabern, den mit dem Amt betrauten Personen kommt jedoch kein Vorrang zu, weder in moralischer noch in geistlicher Hinsicht. Nur der Auftrag, dem sie dienen, ist herausgehoben. Stellung und Verständnis des Amtes unterscheiden sich jedoch in den evangelischen Konfessionen.

4.1   In lutherischer Tradition gilt das Predigtamt als unmittelbar von Gott gestiftet und in der Gemeinde der Gemeinde gegenüber stehend, nicht aus dem Gemeindesein der Gemeinde abgeleitet. Pfarrer werden nicht von der Gemeinde gewählt, sondern vom Bischof berufen. Man könnte von einem personalen Amtsverständnis sprechen: Ein Hirte - eine Gemeinde.

4.2   In reformierter Tradition ist das eine Amt geteilt in das Amt des Pastors, des Lehrers und des Ältesten sowie des Diakons. Ihre Inhaber werden vom Presbyterium gewählt. Man kann von einem funktionalen Amtsverständnis sprechen. Eine Gemeinde - unterschiedliche Dienste.

4.3   In den unierten Kirchen werden die Inhaber des Pfarramtes durch das Presbyterium gewählt, von der Kirchenleitung bestätigt und vom Superintendenten im Auftrag des Präses eingeführt. Ausgestaltung und Verständnis des Amtes stehen in der Spannung zwischen dem personalen und dem funktionalen Prinzip. Man kann also von einem personal-funktionalen Amtsverständnis sprechen.

 

5. Kirche ist als Kirche des Wortes in allen Sozialgestalten immer nur als Amtskirche Kirche.

An der Verkündigung des Evangeliums durch dazu berufene Diener hängt das Kirche Sein der Kirche. Die in diesem Sinne zu Recht als „Amtskirche“ bezeichnete Kirche entscheidet aus der Erkenntnis und Einsicht, die ihr gegeben ist, über die Kirchlichkeit der unterschiedlichen Gestaltungen des Glaubens. Was „evangelisch“ ist, entscheidet die evangelische Kirche. Evangelische Ämter und Werke, Einrichtungen und Dienste, Initiativen und Gruppen sind also nicht originär sondern in abgeleiteter Weise Kirche, aber sie sind Kirche. Sie werden allerdings nicht durch ihre soziale Gestalt oder durch ihre Funktion und Leistung in der Gesellschaft Kirche, sondern dadurch, dass sie in der Gemeinschaft des Glaubens stehen, die aus dem Wort entsteht und durch das Wort geleitet wird, das durch das Amt der Kirche in der Gemeinschaft der Glaubenden öffentlich verkündigt wird.

5.1   Nur in der Kontinuität der apostolischen Verkündigung kann auch die apostolische Sukzession gewahrt bleiben. Das Nicänum nennt unter den Wesensmerkmalen der Kirche neben der Einheit, Heiligkeit und Katholizität die Apostolizität als konstitutiv. Darin stimmen die Kirchen der Reformation auch mit der römisch-katholischen Kirche überein.

5.2   Bei aller Freiheit und Pluralität der Ordnung und der Ausgestaltung des Amtes sowie der als kirchlich anerkannten Vergemeinschaftungen ist hier eine kritische Grenze zwischen Verhalten der Kirche im Vorletzten und der Letztbegründung ihres Daseins gezogen. Diese Grenze unterscheidet zwischen Glauben und Leben, Bekenntnis und Ordnung, geglaubter und empirischer Kirche. Auf der theologischen Theorieebene verläuft hier innerhalb der Systematischen Theologie die Linie zwischen Dogmatik und Ethik, jedoch nicht objektiv ein für alle Mal, sondern in einem unabschließbaren Interpretationsprozess. Kirchlich sind soziale Phänomene nicht dadurch, dass sie moralisch kompetent oder gar unanfechtbar sind, sondern darin dass sie als Konsequenz aus der Evangeliumsverkündigung wahrgenommen werden und Glauben begründen. Kirchlich sind sie dadurch, dass sie als Ausdruck gemeinsamen Glaubens wahrgenommen und vollzogen werden, nicht dadurch, dass sie moralisch einwandfrei sind.

5.3   Aus der Quelle und auf dem Grund des Wortes Gottes ist die gesamte Kirche, verstanden als die Gesamtheit aller sozialen Gestaltungen, die aus der Gemeinschaft des Glaubens hervorgehen, frei, ihre jeweilige soziale Gestalt selbst zu wählen. Zwischen Dogmatik und Ethik vermittelt auf der Ebene wissenschaftlicher Reflexion in Bezug auf die Gestalt und Praxis der Kirche die Praktische Theologie, innerhalb derer die Kybernetik sich ausdrücklich mit der Leitung und Steuerung der Kirche befasst und sich der Aufgabe der Formulierung einer Kirchentheorie stellt.


II. Volkskirche ist die richtige Antwort auf das heute hörbare Wort.

 

1. Volkskirche ist die zeit- und sachgemäße Sozialgestalt der Kirche unter den gegenwärtigen Bedingungen.

Historisch bedingt und mit erheblichen theologischen und ethischen Implikationen versehen ist die Entstehung der Volkskirche im neuzeitlichen Protestantismus. Die Volkskirche entstand im Ablösungsprozess der evangelischen Kirche vom landesherrlichen Kirchenregiment. Sie stellt den Niederschlag der Begegnung zwischen Protestantismus und Moderne auf dem Gebiet der Sozialgestalt der Kirche dar.

1.1   Die römische Kirche stellt den neuzeitlich-emanzipatorischen Entwicklungen die Autorität des Amtes und die Gültigkeit der Tradition entgegen, um so ihre Identität zu wahren. Man kann, grob gesprochen, von einem integralistischen Kurs sprechen.

1.2   Die evangelische Kirche der Gegenwart verlagert seit dem beginnenden 19. Jahrhundert die Glaubensgewissheit von der objektiven Gewissheit aus Lehre und Bekenntnis in das Spannungsverhältnis von Predigtamt mit seinen institutionell-organisatorischen Entsprechungen und persönlichem Glauben. Dieser manifestiert sich in der Lebensführung der Christen und ihrer Kirche. Man kann von institutionell vermittelter Selbstbestimmung sprechen. Der Begriff „Volkskirche“ steht für die neuprotestantisch bestimmte Ausformung reformatorischen Selbstverständnisses kirchlicher Selbstgestaltung.

1.2.1          Die präziseste und sachgemäßeste Fassung des Begriffs Volkskirche sagt: Im Übergang von der vormodernen zur modernen Epoche ist Kirche nicht mehr Fürstenkirche, sondern Volkskirche, also eine Kirche, in der die Gläubigen im Wechselspiel von freiem Geistesleben und Kirchenverfassungsreform ihren auf Jesus bezogenen Glaube selbst entfalten. Ziel dieser Selbstgestaltung ist die größtmögliche Zirkulation des Glaubensbewusstseins, mithin die Entsprechung der zugesagten Freiheit des Glaubens in klarer Darstellung, besonnener Leitung und breiter Teilhabe am kirchlichen und allgemeinen öffentlichen Leben.[1]

1.2.2          Volksmissionarisch getönt besagt der Begriff Volkskirche: Das Volk muss angesichts verschiedener sozialer und sittlicher Gefährdungen durch rettende Liebe wieder zurück gewonnen werden. Es geht um eine Wiedergewinnung der Taufe und der aus ihr fließenden geistigen, sozialen und moralischen Kräfte zur positiven Beeinflussung des Gemeinschaftslebens. Ziel ist die Betreuung und Bekehrung der abgefallenen und verweltlichten Christenheit durch Reintegration in einen status quo ante. Die Innere Mission tritt an die Stelle der Äußeren Mission.

1.2.3          Mit wachsendem Einfluss naturalistischer und organologischer Ideen beginnt die Verwandlung der Volkskirche über die Volkstumskirche in die völkische Kirche. Die Volkskirche in diesem Sinne übernimmt die Rolle des Lieferanten von Energien und Werten für die in Blut und Boden gegründete und durch das Führerprinzip geordnete Volksgemeinschaft.[2]

1.2.4          Pluralistisch und individualistisch gefasst, reduziert sich der Sachgehalt des Begriffs Volkskirche auf den common sense und die political correctness der akzeptierten Mainstream-Moral. Volkskirchliche Praixs ist die Gesamtheit dessen, was das Volk, das - aus welchen Gründen es auch immer in der Kirche ist - alles so treibt. Entscheidender Maßstab ist die Akzeptanz durch das Publikum. Die Beliebigkeit der Inhalte korrespondiert mit dem Pragmatismus der institutionell- organisatorischen Steuerung. Ziel entsprechender volkskirchlicher Praxis ist die Pflege der Religiosität und die Bestandserhaltung des Systems als Bewahrung des status quo, im dynamischeren Fall als Bewahrung des relativen status quo unter sich wandelnden Bedingungen.

1.3   Charismatische Gemeinden behaupten ihre christliche Identität durch die Intensität und Effektivität ihrer Glaubenshaltung, verstanden als unmittelbare Beziehung zwischen Mensch und Gott. Cum grano salis wäre hier von einem spiritualistisch-voluntaristischen Kurs zu sprechen, der stärker mystisch (mit Tendenz zur Esoterik), missionarisch (mit Tendenz zu Rekrutierungs- und Kontrollstrategien) oder doktrinär (mit Tendenz zum Fundamentalismus) akzentuiert sein kann.

 

2. Deskriptive und präskriptive philosophische Ethikansätze bilden die Sichtweise der Umwelt ab und bieten das Instrumentarium für einen kirchlichen Perspektivwechsel.

Wenn wir jetzt von der besonderen Beziehung zwischen der Ethik und der Sozialgestalt der Kirche sprechen, dann geschieht dies unter folgenden Voraussetzungen:

2.1   Es besteht die Möglichkeit und geschieht auch selbstverständlich, dass die Sozialgestalt der Kirche mit ihren Voraussetzungen, Bedingungen und Folgen Gegenstand der allgemeinen ethischen Betrachtung ist. In diesem Falle stehen die Ergebnisse ethischer Reflexion in Abhängigkeit von den ethischen Theoriemodellen, die zur Anwendung kommen. Diese wieder sind gebunden an übergeordnete Weltordnungssysteme (Vorstellungen vom Menschen, von der Gesellschaft, von der Welt), die sich in diversen Weltanschauungen niederschlagen. Beispielhaft zu nennen sind dann etwa in unserem Kulturkreis sozialistische, emanzipatorische, positivistische, wertkonservative oder vitalistische Perspektiven.

2.2   Zugleich besteht die Möglichkeit, und auch dies geschieht selbstverständlich und ständig, dass die evangelische Kirche sich selbst unter einer eigenständig formulierten Perspektive beobachtet. Dann kommen ethische Theoriemodelle in Betracht, die in Abhängigkeit zu Erkenntnissen stehen, die sie aus ihrem Glauben und einer ihr entsprechenden Weltsicht gewinnt. Im Laufe der Geschichte haben sich entsprechend unterschiedliche Modelle theologischer Ethik herausgebildet.

2.3   Das Evangelium wird durch Menschen mit menschlichen Worten verkündigt und entspricht damit den Offenbarungsgeschehen, demzufolge das Wort Fleisch geworden und Gott als Mensch geboren ist. Von Anfang an stehen also die Umwelt der glaubenden Gemeinde mit den entsprechenden Begriffen und Formen und die Gemeinde bzw. Kirche selbst in einer unabschließbaren Wechselbeziehung. So lassen sich zwar philosophische und theologische Ethik wohl unterscheiden, aber nicht trennen, haben sie doch immer denselben Menschen im Blick mit seinen Handlungsaspekten wie Motive, Gründe, Absichten, Ziele, Kenntnisse, Maximen, Einstellungen, Werte, Regeln, Vorgehensweisen und Folgen.

 

3. Unterschiedliche personale und soziale Handlungsebenen und Handlungskomponenten führen zu unterschiedlich akzentuierten philosophischen Ethikansätzen.

Im Horizont einer allgemein ethischen Betrachtungsweise lassen sich verschiedene Betrachtungsdimensionen und verschiedene Bewertungsperspektiven unterscheiden:

3.1   Die ethische Betrachtung kann sich auf die verschiedenen Ebenen oder besser: Dimensionen menschlicher Beziehungen richten: Die Beziehung zu sich selbst (Individualethik), zu anderen (Personalethik), zu seiner natürlichen Umwelt (Umweltethik), zu den Einrichtungen, die er vorfindet oder sich schafft (Sozialethik), zum Gemeinwesen, in dem er sich vorfindet (Ethik des Politischen), zur Gesellschaft (Gesellschaftsethik) und ihren Bereichen Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft (Bereichsethik).

3.2   In jedem Bereich kann die ethische Betrachtung unterschiedliche Bewertungsperspektiven einnehmen: Welche Ziele soll ich verfolgen? Welche Eigenschaften soll ich haben? Welche Güter soll ich beschaffen, bewahren, mehren und wie sie verteilen? Welche Pflichten soll ich erfüllen? Aus welchen Beweggründen soll ich handeln? Nach welchen Maximen soll ich mich richten? Welche Einrichtungen soll ich schaffen, wie sie orientieren und organisieren und wie in und zu ihnen verhalten? Was soll als Recht gelten, und wie stelle ich sicher, dass jeder, der Recht hat, auch Recht bekommt? Welche Verfahren soll ich einrichten, um die richtige Bewertung zu finden und ihr Geltung zu verschaffen? (s.o. Handlungsaspekte, 2.3)

3.3   Während moralische Urteile und Verhaltensweisen sich klar affirmativ auf ein bestimmtes Moralkonzept beziehen und es rational, emotional oder habituell ausagieren, sind ethische oder moraltheoretische Urteile komplex: Ethik hat ihrerseits drei Aspekte, die zu unterscheiden sind: Einen deskriptiven, einen präskriptiven und einen metatheoretischen:

3.3.1          Ethik als wissenschaftliche Reflexion moralischer Geltungsansprüche muss zunächst deskriptiv sagen können: Welche Erkenntnis und welches Handeln führt unter welchen Voraussetzungen zu einer entsprechenden Bewertung?

3.3.2          Ethik als wissenschaftliche Reflexion moralischer Geltungsansprüche muss darüber hinaus normativ oder präskriptiv sagen können: Welches Erkenntnis und Handlungsinteresse kann in seinem Anspruch als gültig aufgewiesen werden?

3.3.3          Ethik als metatheoretische Reflexion moralischer Geltungsansprüche muss die ethischen Theoriekonzepte als solche mit ihren expliziten und impliziten Geltungsansprüchen metaethisch analysieren und prüfen. Dabei gerät sie in einen nicht abschließbaren Prozess deskriptiver, präskriptiver und metaethischer Zugangsweisen, sofern sie nicht auf Setzungen zurückgreift.

 

4. Jede Theorieperspektive ist zugleich Ausdruck eines praktischen Interesses, so dass es keinen so genannten neutralen oder wertfreien Standpunkt gibt.

Die Betrachtung der Sozialgestalt der Kirche, sei es aus philosophisch-ethischer, sei es aus theologisch-ethischer Perspektive, ist nie rein erkenntnis-, sondern immer auch interessegeleitet. Es gibt also prinzipiell keine neutrale Position, wenn die Kirche von außen beobachtet wird oder wenn sie sich selbst beobachtet. Immer gibt es ein Erkenntnis leitendes Interesse, abhängig von verdeckten oder offen gelegten Grundpositionen. Diese offenzulegen gehört zur kritischen Selbstprüfung der Kirche.

4.1   Jedes Interesse der Gesamtgesellschaft oder einer gesellschaftlichen Gruppe ist zunächst weder legitim noch illegitim: Das Interesse von Wirtschaftssubjekten, Geld zu verdienen, das Interesse politischer Subjekte, Macht auszuüben und das Interesse von Wissenschaftssubjekten, Erkenntnisse zu erlangen und das Interesse des Gesundheits- und Sozialsystems bestimmte Vorstellungen von Gesundheit und Gesellschaft zu realisieren bedarf jeweils der kritischen Prüfung bezüglich der mit ihnen gegebenen Geltungsansprüche. Das Interesse der Kirche besteht darin, unter allen Umständen gegenüber jedermann jederzeit das Evangelium von Jesus Christus in Wort und Tat zu verkündigen und somit Glauben zu leben.

4.2   Dem an Jesus und Paulus geschulten Denken ist dieser Sachverhalt vertraut: Ich kann immer nur einem Herrn dienen, stehe also immer, ob ich es will oder nicht, im Dienst einer bestimmten Sache. Auch wer sich nur sich selbst gegenüber verantwortlich sieht, muss erklären, wer dieses Selbst ist, wie es sich konstituiert, von wem es abhängt, und welchem Sich es gegenüber steht.

4.3   Darüber hinaus ist der Mensch nie frei von dem Dilemma, dass er zwar das Gute will, aber dennoch, das Böse tut, das er nicht will, auch wenn es nur das so genannte Böse ist. Das gilt sowohl für die wissenschaftliche Erkenntnis wie für das individuelle und institutionell-organisatorische Handeln. Aus der Neigung zum Bösen, der Entfremdung, der Sünde gibt es moralisch keinen Ausweg. Die Moral bleibt innerhalb dieses Zwiespalts. Der Ausweg ist transmoralischer Natur und nicht objektivierbar.

 

5. Die Kirche gibt ihre Antwort auf das Evangelium von Jesus Christus in dem, was sie sagt, und in dem, was sie gesellschaftlich ist.

Im Verhältnis von Ethik und Sozialgestalt der Kirche geht es nicht lediglich um die Selbstprüfung, in wieweit das soziale Ethos der Kirche ihrem Auftrag entspricht. Indem die Kirche in institutionell-organisatorischer Form im öffentlichen Raum auftritt, nimmt sie immer schon am Ethikdiskurs in der Gesellschaft teil, öffentlich und nichtöffentlich.

5.1   Sofern von der Kirche explizite Beiträge zur Ethik- oder Moraldebatte ausgehen, erfahren diese Beiträge durch die Qualität des institutionell-organisatorischen Auftretens einen eigenständigen Kommentar, der diese Beiträge unterstützt oder in Frage stellt. Hier geht es um Integrität und Ausstrahlung.

5.1.1          Zur Debatte steht die Frage, inwieweit die evangelische Kirche einen Öffentlichkeitsauftrag, eine prophetische Funktion oder ein Wächteramt auszuüben hat. Als Mahnerin und Warnerin oder sogar als Lehrmeisterin sieht sich die Kirche hier in einem Gegenüber zur Gesellschaft oder zur Welt und entspricht so dem prophetischen Amt Christi, an dem sie teilhaben soll.

5.1.2          Das Institut der Denkschrift als Form der Beteiligung der Kirche am öffentlichen Diskurs über Geltungsfragen und der Betrieb erkennbar evangelischer Einrichtungen und Dienste macht eine konstruktiv-kritisch-perspektivische Voraussetzung. Es setzt voraus, dass die Kirche, sofern sie sich öffentlich zu Wort meldet und im öffentlichen Raum auftritt, eine gesellschaftliche Größe unter vielen ist, die durch argumentative Kraft, eigenes Vorbild und plausible Vermittlung Zustimmung erwerben und Einfluss ausüben und somit gleichnishaft vermitteln kann zwischen Glaubenszeugnis und Lebensführung. Dies entspricht dem priesterlichen Verkündigungs- und Dienstauftrag der Kirche, dem sie entsprechen soll.

5.1.3          Der Wunsch der Kirche nach Akzeptanz und Relevanz kann sich darin Geltung verschaffen, dass Kirche ihre moralische Legitimität daraus gewinnt, für gesellschaftliche Prozesse als solche funktional zu sein oder sogar Trends zu setzen. Das Pendel kann zwischen Unterwerfung und Dominanz gesellschaftlicher Zwecke schwingen. Es geht um die Teilhabe an einer spezifischen Glaubensrelation: Zum sozialen, kulturellen, religiösen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Leben leistet die Kirche wirksame Beiträge, damit gesellschaftliches Zusammenleben gelingt und hat so am königlichen Amt Christi teil.

5.2   Die Kirche ist mit den ihr zugeschriebenen oder zugeordneten Einrichtungen, Initiativen und Diensten ein einflussreicher Faktor, der das gesamte gesellschaftliche Ethos mental, strukturell und materiell prägt.

5.3   Je mehr Raum die Kirche zur Selbstgestaltung ihres Auftrags hat, desto größer ist die Chance, exemplarisch zu verdeutlichen, wie sie sich die Konkretion ihres Auftrags vorstellt. Man kann von der Verkündigung durch die institutionelle Tat oder auch von Liebe in Strukturen sprechen. Damit ist aber neben dem Segen des Erfolgs auch das Risiko des Scheiterns mit dem Fluch von Verwerfung und Verzweiflung gegeben, in dem sich der Glaube dann ebenfalls zu bewähren hat.

 

6. Zur Selbstkontrolle ihrer tatsächlich geäußerten und gelebten Geltungsansprüche hat die Kirche theologisch-ethische Theorieansätze entwickelt.

Sofern die Kirche sich angesichts dieser moralischen Herausforderungen selbst prüft, greift sie auf ein breites Spektrum an theologischen Theorieansätzen zurück, die sich exemplarisch am Apostolikum in Auswahl entwickeln lassen. (Ethische Perspektiven etwa aus den Sakramenten oder ausgewählten biblischen Traditionen wie Exodus, Gottesdienst und Königsherrschaft ließen sich hinzufügen.) Diese theologisch-ethischen Perspektiven bieten eine Vielfalt an Kriterien, nach denen beurteilt werden kann, inwieweit die Kirche mit ihrem Auftreten dem Zeugnis der Schrift entspricht:

6.1   Im ersten Artikel geht es um Schöpfung und Erhaltung der Welt und des Lebens. Bewertungsfragen wären dann: Inwieweit entspricht die Sozialgestalt der Kirche dem Zeugnis der Schrift, nach dem

6.1.1          der Mensch in seiner Würde unantastbar ist, das Leben ihm als Gabe und Aufgabe anvertraut und er als bedrohtes und verletzliches Geschöpf auf Erhaltung und Bewahrung angewiesen ist.

6.1.2          der Bestand des Lebens und der Welt sich tragenden Ordnungen verdankt, die das Verhältnis der Generationen, Geschlechter und Völker zueinander ausgleichen in Mitgestaltung und Akzeptanz

6.1.3          alle Menschen auf eigene Erfahrung und Einsicht zurückgreifen können. Sie sind ethische Subjekte, die, wenn auch nur in begrenzter Reichweite, dennoch den Zusammenhang von Tun und Ergehen, Wechselseitigkeit und Gegenseitigkeit einsehen können,

6.1.4          die Teilhabe an gemeinsamer Arbeit und gemeinsame Kultur zum Menschsein hinzugehören,

6.1.5          es gebotene und nicht gebotene Verhaltensweisen von Menschen gibt, die nicht ohne Konsequenzen missachtet werden und sich darin einer Autorität verdanken, die allein religiöser Verehrung würdig ist: Gott?

6.2   Im zweiten Artikel geht es um Rettung und Erlösung. Inwieweit entspricht die Sozialgestalt der Kirche dem Zeugnis der Schrift, nach dem

6.2.1          Jesus Christus in seinem Umgang mit den Menschen und der Welt Vorbild des Lebens im Glauben ist, zumal die Geringen bei ihm den Vorrang haben und die ganze Schöpfung gleichnisfähig für die Gottesherrschaft ist?

6.2.2          wir in die Nachfolge Jesu gerufen sind, dessen Weg durch die Passion ans Kreuz und nur so in die unmittelbare Gegenwart Gottes führte?

6.2.3          die Bergpredigt für die Gemeinde der Gläubigen provozierende Orientierungsmaßstäbe setzt, und so Gottesreich und menschliches Leben miteinander verbindet?

6.2.4          Menschen sich vor dem Jüngsten Gericht zu verantworten haben, das sie in unbedingtem Ernst nach den Werken der Barmherzigkeit fragen wird?

6.2.5          Der Liebe zu den Armen, Kranken, Ausgegrenzten und Schuldig Gewordenen Raum zu geben ist?

6.3   Im dritten Artikel geht es um Versöhnung und Vollendung. Inwieweit entspricht die Sozialgestalt der Kirche dem Zeugnis der Schrift, nach dem wir

6.3.1          durch die Taufe zu einem neuen Leben und einem neuen Wandel berufen und im Abendmahl zur Gemeinschaft am Tisch des Herrn versammelt sind?

6.3.2          mit den Charismen Glaube, Liebe und Hoffnung durch Gnade begabt sind,

6.3.3          wir im selbstlosen Dienst am Nächsten zu uns selber finden?

6.3.4          zur Vergebung gerufen sind, weil wir selbst aus der Vergebung unserer Sünde leben?

6.3.5          gute Gemeindeordnung und wechselseitige Rücksichtnahme zur Glaubwürdigkeit der Kirche nach außen und zum Frieden im Innern zu beachten sind?

 

7. Die Kirche schreitet bei ihrer Selbstbeobachtung den Horizont verfügbaren Wissens in allen Bereichen ab und steht im permanenten Dialog zwischen innerkirchlichen und außerkirchlichen Perspektiven.

In der produktiven Entfaltung und Entwicklung des Glaubenszeugnisses der Kirche im Austausch mit der Umwelt liegt es begründet, dass die Kirche einschließlich der ihr zugeordneten und zugeschriebenen Sozialgestaltungen immer auch den Perspektivwechsel gegenüber außerkirchlichen Sichtweisen vornimmt. In Bezug auf die Sozialgestalt der Kirche kommen dabei folgende Bereichsethiken in Betracht, die große Schnittmengen mit kirchlichen Handlungsfeldern aufweisen:

7.1   Die Erkenntnisse der politischen Ethik und der politischen Theorie. Es ist von erheblicher Bedeutung, welche Paradigmen in der Staat-Kirche-Beziehung und im institutionell-organisatorischen Handeln der Kirche (beispielsweise in ihrem Führungshandeln und Kommunikationsverhalten) zum Zuge kommen: das demokratische, das autokratische, das diktatorische, das bürokratische, das anarchische, oder das basisdemokratische Paradigma.

7.2   Die Erkenntnisse der Gesellschaftsethik und ihren soziologischen und kulturtheoretischen Aspekte. Die Kirche wird sich fragen, in welchen Beziehungsmustern sie agiert und wie sie die Vielzahl der Aspekte erfüllten Menschsein, wie sie zur Zeitgenossenschaft gehören, wahrnimmt und aufnimmt. Eine Kirche des Wortes wird ein lebhaftes Interesse daran haben, welche Botschaften über welches Medium unter welchen Interaktionsbedingungen auf welche Weise beim Empfänger ankommen, und was dies dort auslöst. Es hängt viel davon ab, ob sie einer offenen Gesellschaft oder einer Leitkultur verpflichtet ist, ob sie in Kategorien von Harmonie oder von Konflikt denkt, ob sie milieusensibel ist oder ihre In- und Exklusionsmechanismen verleugnet.

7.3   Angesichts der Dominanz des ökonomischen Paradigmas in globaler, regionaler und lokaler Perspektive ist der Dialog mit der Wirtschaftsethik unausweichlich. In der Praxis des kirchlichen Lebens, vor allem, wenn diese mit Leitungsverantwortung verknüpft ist, sind kirchliche Amts- und Funktionsinhaber auf ein Minimum an ökonomischer Kompetenz angewiesen. Umgekehrt müssen sie aber auch über die Grenzen und Gefährdungen des ökonomischen Paradigmas informiert sein. Das heißt u. a.: wirtschaftsethische Reflexion ist notwendig, reicht aber allein nicht aus, um beispielsweise diakonisches Handeln sachgemäß zu bewerten.

III. Freie und verantwortliche Praxis entspricht besonnener Leitung.

 

1. In der Vielfalt der Perspektiven bildet die Kirche ihr Urteil anhand des Kriteriums der Rechtfertigungslehre. Darin bewährt sie ihre Identität als evangelische Kirche.

Angesichts der Vielfalt der zu berücksichtigenden Faktoren bedarf es zur Verarbeitung der Informationen, zu einer angemessenen Wahrnehmung der Wirklichkeit und zu einer auftragsgemäßen Praxis der Kirche eines zentralen Kriteriums. Dieses Kriterium entfaltet konzentrierende und steuernde Wirkung das für Erkenntnis und Handeln der Kirche. Es bildet sozusagen den archimedischen Punkt. Die Kirchen der Reformation behaupten, dass die Rechtfertigungslehre dieses Kriterium sei. Die Anwendung dieses Kriteriums hat nicht die Funktion eines historischen Referats oder einer theoretischen Hypothese. Es handelt sich hier vielmehr um eine vorempirisch begründete Kategorie mit einem Letztgültigkeitsanspruch, der nicht moralisch sondern nur aus Glauben in Glauben zugänglich ist. Die Kirche der Reformation spricht von dem articulus stantis et cadentis ecclesiae, dem Glaubensartikel, mit dem die Kirche steht und fällt. Für die aktuelle Urteilsbildung im Blick auf die Sozialgestalt der Kirche gilt dieses Kriterium ohne Abstriche. Aus diesem Grund ist für jede ethische Urteilsbildung bezüglich der Sozialgestalt der Kirche die Erfassung der theologischen Dimension des Freiheitsverständnisses der Kirche unabdingbar und nicht nur andere Logiken substituierbar. Die Institutions- und Organisationsphilosophie der Kirche ist die evangelische Theologie. Folgt die Institution oder Organisation einer anderen Leittheorie, so handelt sich nicht mehr um Gestaltungsformen der evangelischen Kirche. Das Proprium der evangelischen Kirche kommt in ethischer Perspektive theologisch legitim zur Sprache oder es verstummt. Der einzige Vorbehalt, der hier gemacht werden kann und muss, ist eschatologischer, nicht moralischer Natur.

1.1   Im Kern lässt sich die Rechtfertigungslehre durch die Formel „Frei aus Glauben“ auf den Punkt bringen. Gemeint ist damit: Der Mensch ist nicht abschließend definiert durch Gesundheit oder Krankheit, Erfolg oder Misserfolg, Verdienst oder Schuld, Angesehen oder Verachtet Sein sondern ausschließlich durch Gottes Zuwendung. Sie gibt ihm Freiheit von solchem Abschließend Definiert Werden zum Lob Gottes und der Liebe zum Nächsten gratis (aus Gnaden).

1.2   Die Rechtfertigungslehre lässt sich in vier stets aufeinander bezogene Unterkriterien ausdifferenzieren, solus Christus, sola fide, sola gratia, sola scriptura:

1.2.1          Solus Christus. Im Zentrum des Glaubens und Lebens steht Jesus Christus, in dem Gott sich zeigt, wie er uns begegnen und zu erkennen geben will. Gottes Sein und Wesen erschöpft sich allerdings nicht in dem, was wir im Glauben erkennen. Gottes Sein und Wesen außer Christus ist uns nicht zugänglich. Wir wissen nicht, was er in einer bestimmten geschichtlichen Situation will und plant. Das ist und bleibt uns verborgen (und schützt uns vor geschichtstheologischem und voluntaristischen Fundamentalismus!). Um unserer Freiheit willen bleibt Gott frei von geschichtlich-utilitaristischen Funktionalisierungen.

1.2.2          Sola Fide. Gemeinschaft mit Gott entsteht nicht durch moralisch richtiges Handeln oder objektiv richtige Erkenntnis oder entschiedene Konsequenz des Willens. Gemeinschaft mit Gott besteht im Sich-Verlassen und Vertrauen auf ihn, das im Gotteslob und im Dienst am Mitmenschen zum Ziel kommt. Dafür gibt es keine Garantie auf Gelingen. Die Erfahrung des Segens als Stärkung und die Erfahrung des Kreuzes als Anfechtung des Glaubens gehören stets zu einem christlichen Leben hinzu.

1.2.3          Sola Gratia. So wie auf Seiten des Menschen allein der Glaube im Sinne persönlichen Vertrauens in Anfechtung der Offenbarung Gottes durch Christen entspricht (und nicht das Verzagtsein oder der Hochmut), so gibt Gott seine Gemeinschaft und alle natürlichen und geistlichen Gaben ohne Bedingungen als freie Gnade. Diese Gnadengaben (Charismen) haben Wirkungen: Als freie Gaben der Zuwendung bewegen sie ihren Empfänger sie und sich selbst dem Nächsten, der solche Gaben ebenfalls braucht, zuzuwenden und sie dem Nächsten, sogar dem Feind zukommen zu lassen.

1.2.4          Sola Scriptura. Maßgebliche Quelle und Richtschnur zur Erkenntnis der Offenbarung Gottes in Christus ist das Zeugnis der Schrift. Im Zeugnis der Schrift bewirken Geist und Buchstabe der Schrift Glauben beim Leser und Hörer der Predigt. Diese Erkenntnis wird innerlich erfahren, äußerlich durch die Gemeinschaft der Kirche bestätigt und im Bekenntnis der Kirche in Wort und Tat öffentlich zum Ausdruck gebracht. Dabei geht es immer um den Gesamtsinn der Bibel mit Christus (s. 11.2.1) als Mitte der Schrift, von dem her und auf den hin die Schrift sich selbst durch den Geist klar auslegt. (Das bloße assoziative Anführen von Bibelzitaten ist daher keine evangelische Schriftauslegung.)

 

2. Von der Rechtfertigungslehre her und zu ihr hin legt die Kirche Gottes Wort als Gesetz und Evangelium aus und gewinnt daraus Leitlinien zur ethischen Orientierung.

Das Ethos der Kirche ist die Geschichte gewordene und Geschichte werdende Antwort der Kirche auf das Wort Gottes, in dem Gott sich in Jesus Christus als Gesetz und Evangelium mitteilt und somit Glauben und Unglauben bei den Menschen hervorruft.

2.1   Das Wort Gottes, als Gesetz in seinem ersten Gebrauch aufgefasst, hat zum einen die Funktion der äußeren Ordnung des menschlichen (Zusammen) Lebens, um es zu erhalten und zu bewahren. Unter den Bedingungen der Welt, wie sie ist, soll es möglich sein, die Grundlagen des Lebens äußerlich zu sichern. So ist die Anwendung von Macht (potentia) und Gewalt (potestas) legitim, welche die Willkür (violentia) abzuwehren hat. In die Notwendigkeit ordnender Funktionen sind auch die Härten organisierten Handelns einbezogen, die in der Begrenzung individueller und kollektiver Willkür und der Konfrontation mit den Folgen fehlerhaften Handelns beschlossen liegen.

2.2   Zum zweiten hat das Wort Gottes, als Gesetz in seinem zweiten Gebrauch aufgefasst, die Funktion der ständigen Aufdeckung der Verlorenheit und letztlich der Angewiesenheit auf unverdiente Gnade, ohne die wir verloren sind und keine Zukunft haben. Sie bereitet damit den Boden für die Sehnsucht nach und die Hoffnung auf Rettung und Erfüllung, über die die Menschen selbst nicht verfügen, weil sie allein von Gott kommt. Sie ist nicht mit moralischen Mitteln zu gewährleisten, sondern nur im Glauben zugänglich. Hier liegt die Grenze zwischen sozialer Praxis und Seelsorge. Auch sie ist nicht objektiv und abschließend zu ziehen, sondern in einem unabschließbaren Prozess stets zu suchen und zu finden. Damit ist ein wirksamer Schutz vor Moralismus gegeben. Die größten Grausamkeiten werden im Namen höchster Güter zelebriert – dem widersteht der zweite Gebrauch des Gesetzes.

2.3   Zwischen den evangelischen Konfessionen ist es umstritten, ob das Wort Gottes als Gesetz auch noch eine dritte Funktion hat, nämlich die Funktion des neuen Gesetzes für die Wiedergeborenen zu ihrer Heiligung. Dann würde nicht nur die reine Verkündigung und die Verwaltung der Sakramente Erkennungszeichen der wahren Kirche sein, sondern auch ein dem Gebot entsprechender Lebenswandel und – damit verbunden, das Institut der Kirchenzucht.

2.4   Das Wort Gottes, als Evangelium aufgefasst, ist demgegenüber die Zuwendung Gottes an uns als befreiende Liebe, ohne Zwang und Gewalt. Sie vereint uns trotz der durch das Gesetz aufgedeckten Schuld und Verlorenheit mit Gott vereint. Durch sie vergibt Gott uns und versöhnt uns mit sich, weckt Glauben in uns und beruft uns so zum Dienst, das wir ihn aus freien Stücken gern tun, weil der Geist Gottes, der in uns wirkt, uns dazu treibt. Hier ist die Schwelle vom moralischen Handeln zur Verkündigung und innerlichen Einkehr überschritten. Das Evangelium wirkt allein im Wechselverhältnis von Wort und Glaube.

 

3. In der Orientierung an Gottes Wort besteht die Unabhängigkeit der evangelischen Kirche, sich in Freiheit und Verantwortung ihre soziale Gestalt entsprechend ihrem Auftragsverständnis selbst zu geben.

Das Handeln der Kirche erfolgt wie die Lebensführung des Einzelnen Christen in Freiheit und Verantwortung. Die Kirche ist frei von allen Zuschreibungen, die sie an menschlichen Maßstäben abschließend beurteilen wollen. Sie ist zugleich frei zum Gotteslob und zur unvoreingenommenen Zuwendung zu den Mitmenschen. Gleichzeitig weiß die Kirche, dass sie unter den Bedingungen der Geschichte immer anfechtbar bleibt und in einer Spannung von Bewährung und Schuld, Gelingen und Scheitern steht. Gerechtfertigt und sündig zugleich vertraut sie auf Gottes transmoralischen Zuspruch und Anspruch. Indem die Kirche auf das befreiende Wort Gottes Antwort gibt, steht sie in der Verantwortung vor Gott und gibt den Menschen Rechenschaft über den Grund ihrer Hoffnung und den Sinn ihres Tuns.

3.1   Die Freiheit von allen Zuschreibungen, die sie abschließend auf irgend einen Zweck oder auf irgend ein Urteil festlegen, begründet die Unabhängigkeit, mit der sie ihre aktuellen Aufgaben ermittelt, indem sie eigenständig die Lage analysiert, zu einer eigenständigen Urteilsbildung über die Erforderlichkeit ihres Handelns kommt, das sie sich im Rückgriff auf ihre Tradition und im Diskurs miteinander bildet.

3.2   Die Freiheit zum Gotteslob und zur Nächstenliebe begründet, dass sie ihrem Glauben durch erkennbare Formen der Frömmigkeit Ausdruck verleiht und sich dies auch nicht durch Opportunitäts- oder Nützlichkeitsüberlegungen nehmen lässt. Die Verwendung religiöser Gesten verbindet sie mit der Welt der Religionen – der Bezug auf die Rechtfertigungslehre unterscheidet sie von ihnen. Die Freiheit zu Gotteslob und Nächstenliebe begründet auch, dass niemand per se von der jedem Menschen geltenden Zuwendung ausgeschlossen ist, auch wenn ggf. der zeitgenössische Mainstream auf Ausgrenzung oder gar Diskriminierung setzt wie etwa in der Heimerziehung der Nachkriegszeit.

3.3   Verantwortung vor Gott gibt dem kirchlichen Handeln einen Ernst, den sich die Kirche von niemandem abmarkten lässt, und eine Verbindlichkeit, die jeder Beliebigkeit und mangelnden Sorgfalt enge Grenzen setzt. Dass die Kirche den Menschen Rechenschaft über den Grund ihrer Hoffnung gibt, entspricht der Berufung zum öffentlichen Zeugnis des Glaubens in Wort und Tat durch Gott, der zu jeder Zeit und unter allen Umständen der Hoffnung Grund, Stärke und Inhalt gibt.

 

4. Im geschichtlichen Raum entfaltet sich die Kirche in einer Vielzahl von Lebensäußerungen, der sie auftragsdienliche institutionell-organisatorische Formen geben kann.

Von Anfang an und während ihrer gesamten Geschichte hat sich die Kirche in der Nachfolge Jesu in bestimmten Lebensäußerungen gezeigt: Gottesdienstliche Versammlung, Präsenz im öffentlichen Raum, Seelsorge und Beratung, Bildung und Erziehung, Diakonie und gesellschaftliche Verantwortung, Mission und Ökumene, Leitung und Verwaltung. Dazu hat sie sich in stetiger Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt dienliche institutionell-organisatorische Formen gegeben, dem Auftrag und den Gaben entsprechend Fähigkeiten und Fertigkeiten gebildet und gefördert und durch ihre praxis pietatis und die Pflege der Gemeinschaft eine entsprechende Haltung vermittelt.

4.1   Grundsätzlich kann die Kirche jede denkbare soziale Gestalt annehmen von der informellen Gruppe über eine private Gesellschaft oder einen Verein bis hin zur Körperschaft öffentlichen Rechts. Entscheidend ist allein, ob ihre soziale Gestalt der Wahrnehmung ihres Auftrags dient. Die Kirche entwirft oder entdeckt eine leitende Vorstellung von der Art und Weise, wie sie diesem Auftrag unter den aktuellen Bedingungen durch ihre soziale Gestalt entsprechen will. Dementsprechend schafft sie sich Strukturen, Positionen, Abläufe, Ressourcen und Entscheidungen, die den einzelnen Personen bestimmte Handlungsoptionen ermöglichen oder verwehren.

4.2   Die institutionell-organisatorische Dimension des Kircheseins ist in reformatorischer Tradition immer entsprechend der Rechtfertigungslehre an das Priestertum aller Gläubigen gebunden. Die Zusage des Evangeliums gilt der einzelnen Person in ihren sozialen Bezügen. Dass sie ihren Glauben in Gotteslob und Menschenliebe leben kann, dazu dient jede Sozialgestalt der Kirche, also sowohl nach außen im Blick auf die Menschen, denen bestimmte Dienste gelten, als auch nach innen im Blick auf die Menschen, die ihre Gaben zum Dienst einbringen

4.3   Der Glaube kommt aus dem Hören. Christlicher Glaube entsteht im Vernehmen des Wortes Gottes. Die Entstehung des Glaubens und sein Wachstum gehen menschlichem Planen und Handeln immer voraus. In diesem Sinne lebt die Kirche von Voraussetzungen, die sie sich selber nicht schaffen kann. Sie vertraut darauf, dass Glaube dort entsteht, wo das Evangelium rein verkündigt und die Sakramente recht verwaltet werden. Da Glaube ohne Frömmigkeit gestaltlos wird, braucht die explizite praxis pietatis in Gebet, Gesang, Bekenntnis und Gemeinschaft den ihr gebührenden Raum in jeder kirchlichen Sozialgestalt.

 

5. Im Zeitalter der Globalisierung und fortschreitenden gesellschaftlichen Differenzierung kommt der zusammenhängenden besonnenen Leitung der Kirche gleichzeitig mit einer sach- und menschengerechten konkreten Praxis um der zugesagten Freiheit willen wachsende Bedeutung zu.

Die allgemeine gegenwärtige Situation erscheint der Kirche als in mancherlei Hinsicht wesentlich verändert. Die Entwicklung der Kommunikationstechnik, die Globalisierung insbesondere der wirtschaftlichen Beziehungen, und die politischen Veränderungen nach dem Fall der Mauer stellen die Kirche vor neue Aufgaben und bedürfen einer Anpassung ihrer sozialen Gestalt, die einer neuen Vergewisserung ihres Auftrags entspricht. Eine aktuelle Streitfrage besteht darin, ob die Kirche ihre Selbstorganisation und einer eigenständigen Aufgabenwahl und Zielorientierung ein so hohes Maß an Aufmerksamkeit widmen sollte, wie dies von den Protagonisten eines kirchlichen Reformismus gefordert wird. Durch das Evangelium inspirierte Sinnorientierung, Selbstregulierung und Solidarität können kreativ und beglückend, aber auch anspruchsvoll und anstrengend sein. Die Versuchung stellt sich ein, es einfacher haben zu wollen. Aber billige Gnade ist der Kirche nicht verheißen. Der Preis der Freiheit besteht darin, Erfolgskriterien zu entwickeln, die das reformatorische Freiheitsverständnis von einer unkritisch-fatalistischen oder gar ideologisch forcierten Deregulierung, Ökonomisierung und Entsolidarisierung kategorisch unterscheiden.

5.1   Die Entwicklung eines eigenen Regelwerks und dessen Beachtung aus einem Ethos der Rechtsbefolgung sind Ausdruck der Erkenntnis des Glaubens, dass Recht und Gerechtigkeit sich (auch in der Kirche) gegenseitig bedingen und nur so der zugesagten Würde und Freiheit der Person entsprechen. Die Kirche soll nicht über Deregulierung im Kontext der Globalisierung klagen, und die Selbstregulierung (und mit ihr die Arbeit, die sie macht, und die Zeit, die sie erfordert) verweigern oder als Selbstbeschäftigung denunzieren.

5.2   Wollte die Kirche Rechenschaft über das eigene Handeln unter Hinweis auf die vermeintlich theologische Ebene des verborgenen und nicht messbaren Handelns Gottes verweigern, so liefe das leicht auf eine ideologische Immunisierung gegenüber vernünftiger Kritik hinaus. Gerade das Eingeständnis und die Offenlegung der Vorläufigkeit und Menschlichkeit kirchlichen Handelns mit seiner Korrektur- und Kontrollbedürftigkeit entspricht der vollkommenen Zuwendung Gottes zu den sehr unvollkommenen (Un)Frommen. Die Kirche soll nicht über die Ökonomisierung aller Lebensbereiche im Kontext der Globalisierung klagen, aber gleichzeitig den Nachweis schuldig bleiben, auf welchem nachvollziehbaren Wege sie die ihr anvertrauten Gaben wirklich zur Erreichung gerechtfertigter Ziele einsetzt und wie sie zu diesen Zielsetzungen kommt.

5.3   Geordnete Teilhabe und Teilnahme am gemeinsamen Auftrag, die Wahrung der eigenen Grenzen und der formalen und materialen Kompetenzen anderer sind kein blutleerer Formalismus, sondern Ausdruck geschwisterlichen wechselseitigen Respekts. Er schließt Spontaneität nicht aus, sondern setzt sie voraus und ermöglicht sie. Wenn die Kirche Zentralisierung und Hierarchisierung bei gleichzeitiger Entsolidarisierung und Vereinzelung im Kontext der Globalisierung beklagt, soll sie nicht im eigenen Verantwortungsbereich den erforderlichen Aufwand an Organisation als wesensfremde Zumutung abwehren - ermöglicht doch organisationsförmiges Handeln den Ausgleich von Besonderheit im Einzelfall und Solidarität im Miteinander durch die Zusammenarbeit im Dienst gemeinsamer Ziele.

 

6. Die Diakonie spielt aufgrund ihrer tiefen Verflechtung in aktuelle brisante gesellschaftliche Prozesse für das Kirche Sein der Kirche eine symptomatische, heuristische und exemplarische Rolle.

Als Vorhut der Kirche einer anstehenden Transformation in institutionell-organisatorischer Hinsicht erscheint vielen Christen die Diakonie. Die Mitglieder der Kirche und die allgemeine Öffentlichkeit erkennen ausweislich einschlägiger Umfragen vor allen in den diakonischen Aktivitäten das Gesicht der Kirche. Sie können hier das Miteinander von Glaube und Liebe in der Praxis, vermittelt durch leibhaftige Personen am eigenen Leibe erfahren. In der Bevölkerung genießt die Diakonie im Vergleich zur so genannten verfassten Kirche hohes Ansehen. Aufgrund ihrer starken Klientenorientierung, aufgrund des Hilfe-, Heilungs- und Unterstützungsbedarfs der Menschen und aufgrund ihrer engeren Einbindung in die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung hat sich bei ihr die Handlungsform strategischen, zielorientierten Vorgehens, vermittelt durch eine effektive und effiziente Organisation, verstärkt durchgesetzt. Dies wirft die Frage nach der Beziehung von Kirche und Diakonie auf.

6.1   Der Formel „Diakonie ist eine notwendige und unverzichtbare Lebens- und Wesensäußerung der Kirche“ ist uneingeschränkt zuzustimmen. Diakonie als Funktion ist konstitutiv für das Kirche Sein der Kirche als notwendige Folge der Verkündigung des Evangeliums.

6.2   Die Formel „Diakonie ist Kirche“ erscheint eher ambivalent: Sie stimmt in dem Sinne, wie sie deutlich macht, dass Diakonie als tätige Verbindung von Glaube und Liebe keiner besonderen Rechtfertigung bedarf, um ihre kirchliche Legitimität auszuweisen. Sie stimmt nicht, wenn sie dazu tendiert, das Kirche Sein der Kirche auf sich zu konzentrieren und andere Lebensäußerungen zu dominieren. Diakonie ist ganz Kirche, aber sie ist nicht die ganze Kirche.

6.3   Die Formel „Gemeinsam Kirche sein“ trägt der Pluriformität kirchlicher Sozialgestaltungen und der Pluralität theologischer Auffassungen gleichermaßen Rechnung und bildet deshalb die Gemeinsamkeit aller kirchlichen Lebensäußerungen ebenso ab wie die Konzentration auf ihre Mitte als Kirche Jesu Christi.

 

7. Fazit: Die evangelische Kirche bezeugt durch ihre Sozialgestalt die zugesagte Freiheit des Evangeliums von Jesus Christus als institutionell vermittelte Selbstbestimmung zur Ehre Gottes und zum Wohl der Menschen.

7.1   Die evangelische Kirche in ihren verschiedenen sozialen Erscheinungsformen und in ihrem Verhalten im gesellschaftlichen Raum ist einem Ethos der Freiheit und Verantwortung verpflichtet.

7.2   Dessen vergewissert sie sich in einem nie abgeschlossenen Prozess durch Einkehr des Glaubens, Einsicht des Denkens, Einlassen auf unbedingtes Geliebt Sein und Einübung christlicher Praxis.

7.3   Ethik als wissenschaftliche Prüfung moralischer Geltungsansprüche ist dabei eine Form der Reflexion, welche die Kirche in ihrer Selbstprüfung und Orientierung unterstützt.


 

 

Literatur

Beese, Dieter: Sozialethische Schwerpunkte. In: Ders.: Glauben leben. Skizzen zur Sozialgestalt der evangelischen Kirche. Münster 2009, S. 165-240. Beese, Dieter: Was hat Moral mit Religion zu tun? In: Studienbuch Ethik. Problemfelder der Polizei aus ethischer Perspektive. Hilden 2000, S. 258-276. Beese, Dieter: „Jugendkriminalität“ aus ethischer Perspektive. In: Gallwitz, Adolf / Zerr, Norbert (Hg.): Horrorkids? Jugendkriminalität: Ursachen – Lösungsansätze. Hilden 2000, S. 64-91. Führer, Werner: Das Amt der Kirche. Das reformatorische Verständnis des geistlichen Amtes im ökumenischen Kontext. Neuendettelsau 2001, S. 463-488. Honecker, Martin: Kirche in der Gesellschaft. In: Ders.: Grundriß der Sozialethik. Berlin/New York 1995, S. 627-708. Honecker, Martin: Kirche, VIII Ethisch. In: TRE 18, 1989, S. 317-334. Hauerwas, Stanley: Die Kirche in einer zerrissenen Welt und die Deutungskraft der christlichen „Story“. In: Ulrich, Hans G. (Hg.): Evangelische Ethik. Diskussionsbeiträge zu ihrer Grundlegung und ihren Aufgaben. München 1990, S. 338-381. Huber, Wolfgang: Hoffnung für die Kirche. In: Ders.: Konflikt und Konsens. Studien zur Ethik der Verantwortung. München 1990, S. 253-345. Lange, Ernst: Kirche für die Welt. Aufsätze zur Theorie kirchlichen Handelns. München 1981 Ludwig, Holger: Die dreidimensionale Sicht auf die Kirche. Jüngste Weiterentwicklungen des von Hans-Richard Reuter wieder entdeckten, modifizierten und präzisierten ekklesiologischen Modells Albrecht Ritschls. Eine kurze analytische Bestandsaufnahme. In: Meireis, Torsten (Hg.): Lebendige Ethik. Beiträge aus dem Institut für Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften. Hans-Richard Reuter zum 60. Geburtstag. (Worte – Werke – Utopien 2) Münster 2007, 122-139. Marsch, Wolf-Dieter: Institution im Übergang. Evangelische Kirche zwischen Tradition und Reform. Göttingen 1970. Pannenberg, Wolfhart: Christsein ohne Kirche. In: Ders.: Ethik und Ekklesiologie. Gesammelte Aufsätze. Göttingen 1977, S. 187-199. Reglitz, Astrid: „Kirche der Freiheit“. Machtspiele eines Konsultationsprozesses und seine ethisch-ekklesiologischen Probleme. In: Meireis, Torsten (Hg.): Lebendige Ethik. Beiträge aus dem Institut für Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften. Hans-Richard Reuter zum 60. Geburtstag. (Worte – Werke – Utopien 2) Münster 2007, S. 140-158. Schinzer, Reinhard: die Kirche als Handlungsraum. In: Ders.: Ethik ohne Gesetz. Christlich urteilen und handeln. Göttingen 1986, S. 76-91. Thielicke, Helmut: Die Kirche in der veränderten Welt. In: Ders.: Theologische Ethik III. 2. verb. Aufl.. Tübingen 1968, S. 198-223. Tillich, Paul: Die Bedeutung der Kirche für die Gesellschaftsordnung in Europa und Amerika. In: Ders.: Das religiöse Fundament des moralischen Handelns (GW III). Stuttgart 1965, S. 107-119. Trillhaas, Wolfgang: Die Kirche auf Erden. In: Ders.: Ethik. 3. Aufl. Berlin 1970, S. 516-554. Wendland, Heinz-Dietrich: Die sozialethische Bedeutung und Funktion der Kirche und des Kirchenbegriffs. In: Ders.: Grundzüge der evangelischen Sozialethik. Köln 1968, S. 110-126.


[1] In diesem Sinne hat Friedrich Schleiermacher den Begriff gebraucht, ihn allerdings noch nicht kirchentheoretisch entfaltet. [2] Das Oberkommando des Heeres beanspruchte (General Edelmann) dementsprechend die Wehrmachtseelsorge als „wichtiges Mittel zur Steigerung der Schlagkraft der Truppe“, begab sich damit aber in Widerspruch zur Amtsauffassung des Feldbischofs (Franz Dohrmann). Die Bindung an die Ordination sicherte hier das Ethos der Wehrmachtseelsorge unter den Bedingungen des Krieges gegenüber deutschchristlichen Selbstinstrumentalisierungen.